Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1842)
- Date
- 1842-09-17
- Page
- Seite 568 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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568 zweideutig zumal aus der zweiten Auflage des Gebetbuches, so wie aus einigen der Vertheidigungsschriften für dasselbe hervor. Es wollte uns bedünken, als ob ein merklicher Schritt vom Rationalismus des Tempels von 1817 im Tempel von 1842 gegen die echte Offenbarungslehre geschehen sei. Wären wir im Jrrthum, so würde uns zwar eine Belehrung zu Gute kommen, allein auch recht schmerzlich sein. Doch dieß nebenher! Die Hauptsache aber bestehet darin, daß der Anstoß, der durch den Tempel im Hause Jsrael's als Erweckung zu neuem Wirken in seinem göttlichen Berufe zu neuer Regung in seine erstarrten Formen gegeben worden, als Gegenstoß auch in der alten Synagoge verspürt ward. Auch sie fühlte sich in ihrer altergrauen Orthodoxie nach dem Wege der Reform hingedrängt, und kam mindestens in eine bis dahin unbekannte Bewegung. Zwar war sie nicht gesonnen der Zeitforderung mehr, als ein unumgängliches Pflichtteil zu cediren, sich mehr als mit einem Minimum von Konzessionen dem Geiste der Reform zu verpflichten, allein sie war doch nun einmal berührt von dem Stabe des Lichtes, der von oben herab die Geschichte lenket, wie der Hirt mit seinem Stabe die Heerde. Die Gemeinde Hamburg's hatte sich bei der Okkupation Frankreich's von der Altonaer getrennt, und wollte nun auch einen geistlichen Führer besitzen. Einen Rabbi» en? — Ja und auch Nein! Also einen Rabbinen mit modernem portugiesischen Titel, sie schuf sich einen Ehacham. Auch eine Predigt? Ja und auch Nein! Eine Predigt die einer Derascha nahe käme. Die Synagoge knickerte und feilschte mit dem Geiste der Geschichte, wollte diesen bemogeln, und wie ward' sie es selbst! Denn der ernste Geist der Geschichte ist der Geist der Wahrheit, und verstehet den Spaß nicht. Es ist der Geist der Vorsehung, der unfern Wandel überwacht und das Leben der Völker wie das der Einzelnen, gleich dem Töpfer wie Thon in seinen Händen modelt; zwar dem Menschen Freiheit der Wahl und des Vollbringens anheimstellt; allein mit dem unverbrüchlichen Vorbehalte der Leitung des großen Werkes der Menschenbildung, des höher» Strebens und Wandels der allgemeinen Menschenfamilie, zu Seinem Zwecke. — Demzufolge konnte, und wie wir sehen werden, mußte es denn geschehen, daß die alte Synagoge, die da meinte, mit solchem Abfinden und so leichten Kaufes davon zu kommen, auf einem Wege der Umbildung fortgerissen wurde, den sie nicht ahnen konnte, und vor dem sie, hätte sie ihn ahnen können, zurückgeschaudert wäre. Es wurde in ihr eine Lehre gepredigt, welche sie weit über die Reformation des Tempels hinaus — was sage ich hinaus, — vielmehr in ganz abweichende Bahnen zu führen geeignet und bestimmt war. Die alten Perser hatten den Glauben, zwei göttliche Wesen existirten, die sich um die Herrschaft der Welt stritten, ein Gutes, das sie Ormudz nannten, und ein Böses das Ahriman hieß. Alles Gute — so meinten sie — würde zwar von Ormudz dem Guten geschaffen, und alles ginge gut und vollkommen aus seinen Händen hervor; dann aber würde es entlassen aus den Händen des guten Gottes, und sogleich wäre auch schon das Böse, Ahriman, bereit, in das fertige Geschöpf hinein zu schlüpfen, und so sehe es noch immer äußerlich aus, als ob es noch beim alten Guten geblieben wäre, während schon längst in seinem Innern der Böse wirthschaftete. Grade diese Fabel bewährte sich an der Synagoge, als sie ihren knappen Reformschritt begann. Wir müssen, unfern Lesern verständlich zu werden und zu zeigen, wie die Sache sich in der Wahrheit verhalte, einige Schritte zurück thun, diejenige Richtung zu bestimmen, die sich damals in fast allen religiösen Systemen Deutschland's begeben hatte, und die mit der Wahl des Chachams auch in Hamburg's ehrwürdige Synagoge einzudringen in Begriff war. Aus der mittelalterlichen Denkungsart, daß die Vernunft nur als Magd der Tradition geduldet, daß sie nur dazu dienen könne, die Glaubensartikel zu begründen und wo sie dies nicht vermöge, zu schweigen habe: hatte sich eine neue mit entgegengesetztem Prinzipe erhoben: daß die Vernunft der höchste menschliche Gerichtshof auch in Sachen der Religion sei, und daß was ihr widerspricht, als Unwahres aufzugeben sei. Aus dieser völlig umgekehrten Denkungsart des gebildeten Europa's entsprangen denn alle Umwälzungen, und gestalteten sich alle Verhältnisse der alten Zeit neu. Mit der Befreiung der Vernunft aus der Dienstbarkeit der Kirche, einer unerhörten Gewalt einer