Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1842)
- Date
- 1842-09-17
- Page
- Seite 565 (sequence 9)
- Language
- German
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565 ten Jahrzehende dieses Sakulums die Synagogenreform in Hamburg, nach dem Wortritte eines schon längst instaurirten Musters in Hessenkassel in'S Dasein rief. Alles Eifern eines blinden Zelotismus verfing nichts dagegen; wie eine naturgemäße Entwickelung faßte sie Wurzel und gewann Bestand. Das Bedürfniß, aus welchem sie entstand, war nämlich ein geistig-wahres. Denn es giebt eben so zuverlässig in der unsichtbaren Welt des Geistes unbewußte Triebe, wie in der sichtbaren Welt. Auch der geistige Mensch verfolgt oft, wie er meint, seine eignen — nicht immer tadelnswerthe — Zwecke, und ahnt es nicht, wie er für eine weit höher liegende, sittliche' Weltordnung thätig ist. So sauget der Schmetterling aus der Blume seinen Honig, und weiß es nicht, daß er mit den Borsten an seinen Füßen die Staubwege der Blume, die ihn erquickt, zu befruchten den Auftrag hat und ausführt. Aber ein ganz anderer Partikularismus ward durch jene neue Geschichtsentwickelung, der Partikularismus der übrigen europäischen Völkerfamilien ward am Ende des vorigen Jahrhunderts durchbrochen. Es verschwanden, wie vorhin angedeutet, die einengenden Grenzen, die Scheidewände im Wolke, so wie sie zwischen Volk und Völkern sanken; Vorrechte und Privilegien aller Art wurden entweder abvlirt oder doch durch die Benachtheiligten in Frage gestellt; und diese letzten durften wiederum, ohne ihr eignes, wohlbegründetes Recht theoretisch und vielleicht auch praktisch aufzugeben, Andern nicht verweigern, was sie selbst für Gemeingut erklärt und in Besitz genommen hatten, sie durften wenigstens für's erste, nicht an andern das üben, was sie gegen sich angewandt für einen Verrach an der ewigen Gerechtigkeit verschrien hatten. So vermochten selbst alle Rückschwankungen der Institutionen auf das alte Niveau des Kastengeistes nicht ganz den tiefen Eindruck zu vertilgen, den jener ungeheure Umschwung der ganzen Denkweise der gebildeten Welt hervorgerufen hatte. Ohne Vorbehalt und ohne anderes Motiv, als jenes des Rechtsprinzipes, ward denn auch unserm Volke der Besitz aller bürgerlichen Freiheit zurückerstattet, die ihm die unnatürliche Herrschaft der mittelalterlichen Kirche und Lehnsherrschaft im Bunde mit dem Gildewescn der Städte entrissen hatte. Da öffneten sich die Kampfplätze für jeden höher» Wettstreit dem Juden; alle Wirkungskreise der veredelten Industrie thaten sich ihm auf, des Ackerbaues ehrwürdige Werke, die erfindungsreichen Gewerbe; Künste und Wissenschaften gaben seiner Strebsamkeit würdigeren Spielraum. Unser Volk ließ den Ruf nicht vergebens an sich ergehen; es hat seinen rechtmäßigen Ankheil an der höhern Sittigung der Zeit genommen; nur einer kleinen Zeit der Freiheit hat es bedurft, unsere Kräfte aufzuregen und zum edelsten Wetteifer zu stählen. Selbst in den politisch zurückgebliebenen Staaten, in Staaten, die sich von der Last mittelalterlicher Institutionen entweder gar nicht oder doch nicht ganz zu befreien wußten, trieb es uns, wenigstens zu verdienen, vielleicht demnächst zu gewinnen, was man, dem Geiste jenes unsittlichen Zustandes gemäß, uns versagen zu müssen für ein gutes Recht hielt. Während die Geister nun also auf ihrer neuen, höhern Bahn wetteifernd vorwärts schritten, während sie in tausendfacher inniger Berührung mit den Mitbürgern christlicher Konfessionen Antheil nahmen an der Gestaltung der neuen Zeit, ja, als schon eine nicht geringe Masse des jüdischen Volkes aus den engen Schranken eines theilweis entehrenden Gewerbes hcrausgetreten war, und sich zu edleren Laufbahnen vorbereitet und tüchtig gemacht hatte, blieb die Religionsübung, also die sichtbare Darstellung des Judenthums in seinem Kulte, wie angepicht auf dem gewohnten, alten unabänderlichen Schlendrian. Wie mumienhaft verhärtet und verdorret blieben seine Formen, aus einer früheren lebendigen Epoche geerbt, als Heiligthum unantastbar. Zwar waren dieselben keinesweges dem ursprünglichen Geiste des Judenthums entsprungen und deshalb als originäre Satzungen geheiligt; sie waren selbst theils aus einer Zeit der Noth hervorgegangene Modifikationen früherer Formen, theils nöthige Abolitionen derselben. Und wären sie nur das gewesen! Sie trugen zumeist nicht unerhebliche Spuren heidnischer Afterweisheit, insbesondere altpersischen Aberglaubens und pythagorisch-platoni» scher Schwärmerei und Gespensterdienstes an sich. Also blieb das Höchste im menschlichen Leben, die Weise, wie er sich dem Göttlichen nähert, die äußerliche Darstellung seiner innerlichen Beziehungen, zur Welt des Geistes, weit hinter diesem Innerlichen in ihm selbst zurück, das bereits in sich eine so große 38