Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1842)
- Date
- 1842-09-17
- Page
- Seite 563 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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563 der Heterodoxie oder Neologie. Wir wollen jedoch dem Gange der Untersuchung nicht vorgreifen, sondern allmalich die Sachlage, wie sie sich ganz ungezwungen darbietet, sich vor unserm Blicke erzeugen, entwickeln und vollenden lassen, und so ein ganz treues Bild, ein wahrhaftiges Resultat und Endurtheil, daraus zu gewinnen trachten. Durch eine eben so entscheidende, als auch nothwendige Entwickelung des europäischen Völkerlebens waren die morschen mittelalterlichen Schlagbäume und Grenzsperren eine nach der andern — bis auf eine hinlängliche Anzahl, die man theils gewaltsam renovirte, theils aus Respekt stehen ließ — gesunken, selbst die übrig gebliebenen wurden angefochten, oder doch in Frage gestellt. Es sollten die Völker von nun an bei aller individuellen Gestaltung ihrer eigenen Verhältnisse und Bildung in gewissen Hauptpunkten sich zusammensinden, sich als Kinder Eines Vaters im Himmel und Einer Mutter „Erde" erkennen, lieben und achten lernen. Wie konnte das jüdische Volksleben sich in diesem Drange zum allgemeinen Bruderbünde der Völker in seiner Isolation behaupten wollen, da es doch eben so sehr, vielleicht selbst mehr, wie jedes andere, durch die ausgedehnteste Berührung mit allen Nationen der neuen wie der alten Gesittung, in seiner Zerstreuung unter demselben, dem Strome der Geschichte offen stand, und seiner Gewalt preis gegeben, fast widerstandslos preis gegeben war? Seiner innern Natur nach konnte und durfte sich das Judenthum fernerhin nicht mehr gegen die gewaltigen Einflüsse der Zeit abschließen, denn dadurch lief es theils Gefahr spurlos fortgerissen und verwischt zu werden, so wie ihm die Elemente abgingen, die ihm in dem Drange der Zeiten seine Selbstständigkeit sichern konnten, oder aber, wenn es solche lebenskräftige Elemente in sei-' nem Schooße birgt, so hatte es eben durch diese auch die dringendere Aufgabe, sie im gegenwärtigen Leben geltend zu machen, ihre Lebensenergie zu manifestiren dadurch, daß es einen um so thätigeren Antheil an der Verwirklichung der hohen Zeitfcagen nahm, zu dem großen Völkerbunde, einig in der wahren Erkenntniß und in der höhern Sittlichkeit, mit aller Thätigkeit den Grund legen zu helfen. Denn das ist der höhere Inhalt des Juventhums, und dies ist das Bewußtsein seiner Organe und Repräsentanten in seiner antiken Blüthenzeit, daß in ihm und in seiner Gemeinschaft das große Bild Umrissen und vorgebildet liege, in dem sich endlich alle Völker der Erde zu einem einigen Ganzen verbinden sollten. Das ist die wahre erhabne Messiasidee der Propheten, ohne Zusatz einer stammhaltenden Legitimität eines Sprößlings vom Hause Jsai's, wie sie im Geiste des endlichen Begründers der Theokratie, Samuels gelebt hat. Eine Politik, die nicht sowol mit der eigentlichen politischen, gleichnamigen keine Verwandschaft hat, als ihr vielmehr in jeder Ausladung und Richtung widerspricht. Widerspricht durch ihre erhabne Weite, mit welcher sie ihren geistigen Mantel über die ganze Menschheit auszubreiten sich anschickt, als eine Gottesherrschast, welche, wie leicht zu ersehen ist, durch die eines irdischen, monokratischen Regiments beeinträchtigt und getrübt wird, da Israel sich einen König „nach Weise der Völker rings umher" ertrotzte. Als Israel seinen großen Propheten zwang, trotz des Königsgesetzes, das er ihm zuvor warnend vorlegte, das entworfene Gottesreich zu einem gewöhnlichen Königreiche herunterzusetzen, geschah der zweite große Abfall Jsrael's von seinem Berufe, der seine zehn Stämme dem Untergange hingab, und der nicht viel geringer anzuschlagen sein möchte, als jener erste, da es seinen ersten Priester zwang, ihm einen ägyptischen Gott zu gießen. Das ist nun aber einmal der Gang der Menschengeschichte! Sie gleicht einer sogenannten Springprozession; zwei Schritte vorwärts, und einen wieder rückwärts. Aus unbegriffener Wahrheit durch Jrrthum zu ihrer Erkenntniß! Auch Juda büßte seinen Abfall von seinem theokratischen Berufe durch tausendjährige Leiden. Bürgerkriege Parteiungen und alles Elend eines Zwitterzustandes zwischen Himmel und Erde, Gott und Welt, waren die Folgen; ein Schwanken, eine Unbeständigkeit entstand, durch welche diese unsere Nation eben so wenig zum Genüsse des Irdischen als zur Freude des himmlischen gelangen konnte. Von den Genüssen des Heidenthums wurde sie abgeschreckt durch ihre gottbegeisterten Seher; von der Ruhe des Gottesreiches trieben es seine Könige und ihre Legitimitäten zurück. Was nützte es, daß man späterhin beides in der Davidischen Messias-Mission zu verbinden vorgab? Schon in dieser bloßen Verbindung lag der Widerspruch, lag der Untergang