Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1842)
- Date
- 1842-08-20
- Page
- Seite 505 (sequence 5)
- Language
- German
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505 leeres Wort, und des Schweißes nicht werth, den sie kostet. Die Entscheidung, wer Recht hat, überlasse ich den Einsichtsvollen — und der gpoßen Zukunft der Menschheit. 2) Herr Hermes giebt als Grund der Ausschließung an: die europäischen Staaten sind christliche, und darum können die Juden unmöglich vollkommen gleiche Rechte mit den Christen haben, — also stellt er die Forderungen der Vernunft mit den Forderungen des Christenthums Ln völligen Widerspruch. Ich setze ihm entgegen: das Christenthum als Religion der „allgemeinen Liebe und Duldung" kann nicht bürgerliche Beschränkungen andersglaubender Erdenbrüder verlangen, als Religion „des Reiches, das nicht von dieser Welt" kann nicht weltliche Bedrückungen der Bekenner der Religion fordern, in welcher das Christenthum wurzelt; ferner: das Christenthum ist in sich in zu viele besondere, sich gegenüberstcheude und zum Thcile sich gegenseitig negirende Konfessionen zerfal- | len, als daß nicht dieser Grundsatz, daß das Bekenntuiß die bürgerliche Stellung bedinge, auch innerhalb des Christenthums zu der gefährlichsten Anwendung kommen könnte, ja in der Konsequenz kommen müßte; endlich, daß der Staat nicht außerhalb des Christenthums komme, wenn er Juden bürgerliche Freiheit gewahre, wie überhaupt die staatlichen Einrichtungen und gesellschaftlichen Bewegungen nicht so beschaffen wären, um sie lediglich als christliche bezeichnen zu können. Ich überlasse die Entscheidung abermals den Einsichtsvollen und der Zukunft der Menschheit. Hier aber ist ein Punkt, wo Sie Herr H. aus den Grenzen der Diskussion schreiten, wo Sie wieder einmal zu verzweifelten schmählichen Insinuationen Ihre Zuflucht nehmen, die ich nothgedrungen in ihre Blöße stellen muß. Wie Ihr Charakter in den Augen aller Unparteiischen als ein deutscher, männlicher, biederer dabei gewinnen wird, sehen Sie zu. Sie sehen, ich erwiedere Ihnen nichts, wenn Sie mich persönlich der Verdrehung, der Oberflächlichkeit, der jüdischen Gewandheit zeihen — aber Sie sagen : „der israelitische Geistliche, der während er als Jude den tiefsten und tödtlichsten Haß gegen das Christenthum im Busen tragt, den Schein annimmt, als sei ihm irgend etwas daran gelegen, die Ehre des Christenthnms zu retten" — Sie wollen damit den Bekenueru meines Glaubens einen tiefen, tödtlichen Haß gegen die Religion ihrer nächsten Mitbürger in die Seele schwärzen, und dies kann und darf ich Jbnen nicht Nachsehen. Was wollten Sie hiermit? Da ich gesagt, -nur die Heuchelei kann die Religion zum Vorwände der Unterdrückung gebrauchen, wollten Sie mir diesen Vorwurf zurückgeben; und dann wollten Sie nebenbei wieder eine Kluft zwischen den christlichen und jüdischen Söhnen eines und desselben Vaterlandes eröffnen, eine Kluft, die die breiteste wäre, wenn sie vorhanden. Denn wie könnte der Christ dem Juden die Friedenshand bieten, wenn dieser einen „tiefen, tödtlichen Haß", gegen das Theuerste des Christen, gegen seine Religion, hegte? Aber wahrlich, die Zeiten des Haffes sind vorüber, und nur in solchen Gemüthern lebt er noch, wie Herr Hermes das seine offenbart. Warum soll der Jude das Christenthum hassen? Hat das Christenthum ihn aus dem Lande seiner ehemaligen Selbstständigkeit vertrieben? Nein. Hat das Christenthum das Judenthum verdrängt? Nein, denn beide bestehen noch, und so wie das Judenthum deur Christenthum die ersten Wege eröffnete, da dieses an den schon weit verbreiteten jüdischen Gemeinden den ersten Anhalt fand, (S.Apostelgesch. 13,5.14. 14, 1. 17, J.17. 18,4.19. 28, 17 ), so hat das Christenthum dem Judenthum Wege und Länder eröffnet, wohin dieses früher, nicht gekommen. Hat das Christenthum das Judenthum verfolgt? Nein, wohl üaben die Juden durch die Christen namenlose Leiden erduldet, aber es war ja nicht das wahrhafte Christenthum, sondern nur die Vorurtheile und Leidenschaften des Menschen in den Christen, die sie zu solchen schrecklichen Thareu vermochten, und so wenig daher ein vernünftiger Christ die jetzigen Juden hassen, wird, weit deren Vater vor fast zwei Jahrtausenden den Stifter seiner Religion zu Tode gebracht, so wenig wird der Jude wegen der Greuel des Mittelalters den jetzigen Christen Haffen. Denn jene Christen sind längst dahin, und es handelt sich nicht mehr' um blutige Verfolgung sondern nur um Beschränkung des bürgerlichen Lebens. Warum sollte alw der Jude das Christenthum Haffen? Allerdings kann der Jude das Christenthum nicht als volle Wahrheit anerkennen, und wird dies Niemand verlangen, denn darum in und* bleibt er Jude: aber ist denn eine solche Verschiedenheit des Bekenntnisses, der Ueberzeuguug schon an und für sich Haß, und nicht bloß Haß sondern „tiefster, tödtlichster Haß?" Wir müßten verzweifeln an der ganzen Menschennatur. Es ist lächerlich, wie viele christliche Gelehrten sich einbilden, daß wir jüngere jüdische Theologen, die wir Gymnasien und Universität besucht haben, das Chri sieuthum immer noch aus der Perspektive der Ghettis betrachteten. Als Söhne der Zelt, vom Studium der Geschichte durchweht, haben wir uns eine ganz andere Anschauung vom Christenthum erworben, als daß wir den! „tiefsten, tödtlichsten Haß" gegen eine der größten Erschei-