Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1842)
- Date
- 1842-08-13
- Page
- Seite 490 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225227-3225261--04592-3314191- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
490 Trier, 15. Juli. (Stimme eines'Israeli-! ten.) Die gegenwärtig beabsichtigte Umgestaltung unserer bürgerlichen und religiösen Verhältnisse hat, sobald sich nur das Gerücht davon verbreitete, das allgemeinste Interesse erregt. Mit dem innigsten Danke erkennt der Unterzeichnete, und mit ihm alle Israeliten die liebevolle Lheilnahme an, welche die meisten deutschen Zeitungen, insbesondere auch diese, und die öffentliche Stimme uns bewiesen und noch beweisen, und findet sich daher um so mehr verpflichtet, die uns wohlwollenden Menschenfreunde auf Folgendes aufmerksam zu machen. Ich meine nämlich, die leider! nur zu sehr bestätigte Erscheinung, daß, trotzdem jetzt so viel Schönes, Wahres und Gutes über Juden und Judenthum geschrieben wird, dieses Alles dennoch dem Christen unbekannt bleibt, während das, was gegen die Juden geschrieben ist, Jedermann kennt und lieft. So findet man in keinem Kasino, in keinem Lesezirkel, bei keinem christlichen Gelehrten oder Beamten eine von Juden geschriebene, über Judenthum handelnde Schrift oder Zeitung, wahrend in den erstern die meisten sowol politischen als belletristischen Blätter nie fehlen, obgleich doch viele derselben bei weitem weniger interessant sind, als z. B. die Allg. Zeit. d. JudcnthumS ec. Mag dies nun darin, daß die Christen theils von diesen Leistungen der Juden selbst nichts wissen, theils immer noch zu hoch auf diese herabsehen und von ihnen nichts wissen wollen, oder in sonst einem andern Umstande seinen Grund finden: genug, eben daher kommt es, daß viele selbst der hochgestelltesten Christen unsere Verhältnisse nicht kennen und nicht wissen, daß wir noch in Vielem zurückgesetzt sind. Die schlimmere Folge für uns aber ist, daß manche sehr humane Christen bei ihrer Beurtheilung des Bildungszustandes und Fortschrittes der Juden einseitig, nur von einzelnen ihnen bekannten Individuen aus der niedrigsten Klaffe auf das Ganze und Allgemeine schließen und somit auch, ohne irgend weitere böse Absicht, nur in dem Glauben, nach dieser ihrer eigenen Erfahrung pflichtgetreu ihr Urtheil abgeben zu müssen, uns außerordentlich viel Schaden zufügen für jetzt und die Zukunft. Dieses letztere möchte sich noch wol jüngst bei den Berathungcn über unsere bürgerlichen Verhältnisse bei Manchen bewährt haben. Denn bekanntlich (Allg. Zeit. d. Judenth., die Triersche und Rheinische Zeit.)! sind jetzt alle Regierungen Preußens von dem Ministerium aufgesordert, Bericht zu erstatten über den Bildungszustand und die Moralität der Juden in ihren Regierungsbezirken, von welchen Berichten die Verbesserung oder Verschlimmerung unserer Lage großentheils abhängt. Unter den vielen Gegenständen, über welche in den verschiedenen Provinzen berichtet werden soll, ist für die Rheinprovinz auf dem linken Rheinufer angefragt worden, ob die Beibehaltung des sogenannten „kaiserlichen Dekrets von 1808," also von über 30 Jahren her, noch ferner räthlich sei oder ob die Gründe, welche damals seine Einführung nöthig machten, jetzt aufgehört hätten. Hierzu wurden natürlich gewiß zunächst von den Herren Ober-Staatsprokuratoren Gutachten eingefordert. Nach dem gewöhnlichen Geschäftsgänge zu schließen, ziehen die Regierungen wahrscheinlich wieder Berichte ein von den Landräthen und diese von den Bürgermeistern, die Ober-Staatsprokuratoren besonders von den Friedensrichtern. — Wenn nun auch die höheren Beamten — was ich zu meiner innigsten Freude selbst erfahren, sich längst zur Idee des 19. Jahrhunderts, zur Idee der allgemeinen Menschheit und des gleichen Rechtes erhoben haben und überzeugt sind, daß auch der ungebildete Jude nur durch Erweckung seines Ehrgefühls gebessert, durch Erniedrigung und Verachtung hingegen verschlechtert werde, daß daher und aus vielen andern Ursachen die Abschaffung jenes veralteten und schmachvollen Gesetzes nothwendig sei, wenn sie auch längst fühlen, daß wir der Emanzipation würdig und daß wir für ein Jahrtausende lang ausgestandenes Unrecht, für frühere Unterdrückung und Knechtschaft endlick entschädigt werden müssen; wenn sie auch mit uns wünschen, daß bald alle Schranken, jeder Unterschied aufhören und wir unseren übrigen Mitbürgern gleichgestellt werden mögen, wenn sie selbst sogar hierfür begeistert sind und laut und kräftig das Wort führen: so ist doch gewiß auf der andern Seite sehr leicht möglich, daß der eine oder andere dieser edeln Männer durch das Urtheil der niedrigeren Beamten, die nur mit Juden aus der untersten Klaffe in Berührung kommen und dabei auf 'nicht ganz reine Thatsachen — wie dies doch bei Christen nicht weniger stattsindet und was sich bei den Juden durch ihre so mißliche Stellung noch eher entschuldigen läßt, — stoßen,