Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1842)
- Date
- 1842-08-13
- Page
- Seite 486 (sequence 2)
- Language
- German
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486 einen Theils in dem Wesen dieser Erscheinung selbst liegen, andern Theils aber auch Ln den Umgebungen, auf welche sie getroffen und trifft. Wäre nun das Charakteristikum der Zudenheit nur ein bloß äußerlicher, gesonderter Sittenkomplcx, so würde sie auch nur Kuriosität erregen können, die in stiller Beobachtung hinginge. Sondern ein viel Tieferes muß hier der bewegende Hebel sein: der Geist. Ja, darum steht das Judenthum in viel höherer Bedeutsamkeit da, als das bloße Zahleuverhältniß seiner Bekenner ihm verleihen könnte, weit die Wurzel und der Kern seines Daseins ein geistiges Prinzip ist, das Ln seiner Stetigkeit der Menschheit einen ewigen Stoff giebt. Dies erweiset sich schon daraus, daß zu der Zeit, in welcher das Judenthum der europäischen Gesellschaft nur als ein gesondertes Sittenganzes erschien, es nur Gegenstand schwerer, aber ziemlich stummer Bedrückung war: erst seitdem das Judenthum sich der europäischen Gesellschaft akkomodirt, Ln Sitte und Brauch der allgemeinen Welt sich anschließt, hingegen seinen geistigen Jnbalt hcrauswendet und festhaltend vertheidigt, ist es auch Gegenstand allgemeiner Erwägung und Beurtheilung geworden. Mag nun mit dem Judenthum mehr oderwenig Individuelles an Sitte mehr oder wenig unauflösbar verbunden sein: nicht dieses, sondern daß dem Allem ein großes geistiges Prinzip zu Grunde liegt, giebt der Erscheinung des Judenthums ein allgemeines, höheres Interesse. — Nicht weil die Juden in einem abgeschiedenen Erdwinkel, in den die Civilisation nicht eindringt, gesondert wohnen; auch nicht weil sie, mitten in der allgemeinen Welt, dieser völlig entfremdet und unbewußt leben — Beides findet ja nicht statt — sondern daß sie über die Erde zerstreut, am Völkerleben überall regen Antheil nehmen und sich von ihm durchdringen lassen, und dennoch ihr individuelles geistiges Prinzip bewahren, um das sie sich schaaren, und das sie tragen, sind sie eine Ln den Vordergrund tretende Masse: in jedem andern Falle wären sie schon zur Nullität berabgesunken. Sie haben außer den allgemeinen Geistesbewegungen noch etwas Besonderes, noch eine solche für sich — dies ist Grund genug, um sie der öffentlichen Beachtung immer wieder zu empfehlen und aufzudräugen. Allein dies ist nur erst die eine Seite. Diese Erscheinung trifft nun in der europäischen Welt auf das besondere Streben eines nivellirenden Geistes. Das große Naturgesetz der Anziehung und Abstoßung findet auch im Reiche des Geistes statt. Dieses Gesetz that sich schon Ln der Zertheilung der Menschen und wieder in der Zusammenhäufung in großen, aus der Familie erwachsenen, immer mehr anschwellenden Volksmassen kund — wie, beiläufig gesagt, die h. Schrift in der Geschichte des Thurmbau's von Babel darstellt. Ebenso herrscht dieses Gesetz in den großen Richtungen der Geistesbewegung; nur daß es hier nicht neben einander/ sondern nach einander sich gellend macht. Sobald ein großes neues Gebiet des Geistes sich aufgethan, wirkt die Richtung des Auseinandergehens, wie ein neu entdecktes Ländergebiet zuerst von einzelnen Ansiedlern zerstreut besetzt wird. Man wirft sich auf das Einzelne, und kultivirt dies für sich, unabhängig von einander; man zertheilt die riesige Jdeenmasse in zahllose Parzellen, die man einzeln, getrennt bearbeitet. Ist dem Genüge geschehen, so wird sich batd das Gefühl zum Bewußtsein machen, daß mit dem Verständniß der Partikularitäten noch wenig erlangt ist und die Anschauung des Ganzen gänzlich fehlt. Dann beginnt die Periode der Kontraktion; man reproduzirt die Einzelnheiten wieder zu einer Totalität, und ringt nach deren Auffassung, man einigt die Theile wieder zu einem Organismus. Dann ist man aber um desto versessner auf solche Partikularitäten, die sich dem Ganzen nicht ein- und unterordnen, sondern den eignen Bestand behaupten wollen, im Bewußtsein, ein Organismus für sich, von eigener Geltung zu sein. Da ist denn die Opposition des Geringer» gegen das Größere gegeben, und je hartnäckiger der Kampf von beiden Seiten geführt wird, je willkürlicher der Wille des Großen, Allgemeinen, und je eigensinniger der Wille des Einzelnen, Besonder» erscheint: desto leidenschaftlicher wird der Streit geführt werden. Die Leser werden mich nun ganz verstehen, wenn ich sage, daß das Judenthum mit seinem besondern geistigen Prinzip gegenwärtig auf eine Zeit des nivellirenden Geistes stößt, wo alle geistigen Partikularitäten in eine große Totalität aufgehen sollen, und daß, da das Judeuthum dem nicht weichen kann und will, sondern seinen eigenen Bestand noch fernerhin behauptet, darum der Kampf desto stärker, und die Beachtung der Welt desto vielseitiger ist. Daß wir hiermit unsere Zeit und ihre Richtung richtig charakterisirt haben, wird dem Einsichtsvollen schon daraus einleuchten, daß die Prinzipien überhaupt in unsrer Zeit einen so großen Kampf kämpfen, und eine so große Geltung erlangt haben, weil dies nichts anders als die Tendenz, eine große Einigung zu bewirken, ist. In anderen Zeiten leben sie einzeln für sich, arbeiten sich für sich