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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-07-30 · Heft 31 (30.7.1842) · p. Seite 457

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 31 (30.7.1842)
Date
1842-07-30
Page
Seite 457 (sequence 5)
Language
German
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457 sie altfromme Juden geblieben, Ln Frankreich, weil sie sich über die rabbinischen Gesetze hinwegsetzen, machen Sie mit den preußischen Juden ein ganz andres Manoeuvre. Sie spalten die Juden in zwei völlig getrennte Heerlager, Ln die Altgläubigen und die Neuerer. Mit den ersten, die Sie Ln der „großen Mehrzahl" hatten, werden Sie leicht fertig. Sie wollen sie bereden, daß sie die Emanzipation gar nicht wollen, daß sie diese nur zu fürchten hätten, weit, so sagen Sie, „die allzu enge Verbindung und Vermischung mit den Christen die Reinerhaltung ihres Glaubens zu vielen Gefahren aussetzt." Woher wissen Sie dies? Weil vor dreißig Jahren auf viele Bemühungen eines Rabbineu die Posener Juden wenig Lust zur Uebernahme der Militärpflichtigkeit zeigten. Das aber ist längst vorbei, die Gtsinnung hat sich sehr geändert, und der Rabbi ist todt. Wollen Sie Beweise? Als im Jahre 1831 Preußen von verschiedenen Seiten kriegsbedroht schien, da bot die Bromberger Gemeinde im Verein mit vielen dortigen Gemeinden dem Könige den freinulligen Eintritt ihrer waffenfähigen Jugend an, was der hochselige König unterm 12. Febr. 1831 sehr belobend anerkannte. Unterm 1i. April 1842 haben 20 der größten Gemeinden des Posener Großherzogthums an Se. Majestät eine Petition gelangen lassen, alle Maßnahmen, die über die Juden der anderen Provinzen getroffen würden, auch auf die Provinz Posen auszudehnen. Halten Sie, Herr Doktor, dies Alles für Possenspiel? oder ist dies Ernst, gewichtiger Ernst? Nein, das Judenthum ist keine Religion der Sklaverei, unsere Religionslehre entstand, als das Joch einer argen Knechtschaft zerbrochen worden, und, weil sie nur recht von freien Männern begriffen werden konnte, mußte das alte Geschlecht aussterben in der Wüste. Wir haben für unsre Religion Nichts zu fürchten in der Freiheit. Es kann diese freilich eine Krise befördern, wodurch einmal wieder eine Sichtung vor sich geht. Freilich hat sich manche Sitte, mancher Brauch des alten Judenthums sehr überlebt, und was todt ist, muß weichen. Aber der Kern kann und muß bleiben — und Sie haben es ja selbst gesagt, daß in Holland die emanzipirten Juden altgläubig geblieben, und im Elsaß ist es auch der Fall. Sie haben also keine Wahl, Herr Doktor; Sie finden keine zwei Gemeinden in Preußen, die nicht die Aufhebung aller Beschränkungen wünscht, erstrebt. Folglich sind entweder alle jüdischen Preußen Neuerer— aber Sie finden za in der großen Mehrzahl Altgläubige — oder auch die Altgläubigen sehnen sich nach dem Verschwinden aller Beengungen; daß diese ihren Vortheil aber gar nicht verstehen, und erst bei Ihnen in die Schule gehen sollten? ist doch nicht denkbar. Und was wollen Sie uns weiß machen, „daß wir vollkommne Freiheit haben, jede unsrer Fähigkeiten auszubilden und unfern Erwerb durch jede bürgerliche Tätigkeit zu suchen, die unsrer Neigung entspricht, ohne daß ihnen dabei irgend ein Hinderniß in den Weg gelegt würde, welches nicht eine nothwendige Folge ihrer eignen Absonderung" — die Sie uns doch so angelegent ich - anempfehlen — „wäre." Ich will nicht wieder in das Detail der allbekannten Klagelitaneicn verfallen; aber so lange ich von hier, Magdeburg, nicht nach Burg ziehen kann, 4 Stunden weit, und hätte ich die schönsten Ausstchten, so lange mein Sohn nur Handwerker oder Kaufmann werden kann ff. — so lange kann ich nicht zugeben, daß ich ohne Hiuderniß meine Fähigkeiten ausbilden kann. Sie dreschen Lügen. Doch sehen wir, wie Dr. Hermes die „Neueren" unter den Juden abfertigt. Den Altgläubigen haben Sie die Hand freundschaftlich gedrückt, wurden aber von ihnen abgewiesen. Den „Neuerern" weisen Sie eine geballte Faust, und die — verlachen Sie. — Sie sagen: „Den Neuerern, die keinen Anstand nehmen, alle Vorschriften des mosaischen Glaubens zu übertreten^, muß es allerdings hart erscheinen, wenn sie eie Folgen der Absonderung, die nur bei dem altgläubigen Juden eine Sache der freien Wahl ist, mitzutragen haben; aber sie können von dem Staate nicht verlangen, daß dieser ihnen zu Gefallen eine Ausnahme aus seinen allgemeinen Gesetzen wachen soll. Wenn sie unzufrieden darüber sind, daß sie als Juden behandelt werden, während sie in ihrem Herzen längst aufgehört haben, Juden zu sein, so haben sie die Schuld nur sich selbst beizumessen. Der Staat muß den, der sich selbst für einen Juden ausgibt, natürlich als Juden gelten lassen und kann sich in keine Untersuchung darüber einlassen, wie weit diese. Angabe begründet ist." Inwiefern die „Neuerer" Ihnen zugestehen werden, daß sie alle Vorschriften des mosaischen Glaubens übertreten, wollen wir gar nicht hier in Erwägung ziehen, weil ich nichts mehr hasse, als theologische Diskussionen in der Politik. So wenig der Staat einen Unterschied zu machen hat zwischen Katholiken und Protestanten, eben so wenig zwischen altgläubigen und neuern Juden. Noch nie ist aber ein Jude ausgetreten, der einen solchen Unterschied verlangt, und, wäre er der größte Neuerer, auch nur den geringsten Vortheil für sich fordert, den er nicht mit seinem altgläubigen Glaubensbruder theilen will.

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