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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-07-30 · Heft 31 (30.7.1842) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 31 (30.7.1842)
Date
1842-07-30
Page
Seite 455 (sequence 3)
Language
German
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455 die Religion zum Deckmantel der Heuchelei, zum Vorwände von Menschenbedrücknng und Gewissenszwang gemacht wird. Und das ist verabscheunngswürdig! Hatten Sie gesagt, die bürgerlichen, historisch herangebildeten Zustände verlangten noch eine zeitweilige Beschränkung der Juden — nun, so standen wir auf rechtem Boden, wo wir mit gleichen Waffen kämpfen konnten. So aber die Religion zum Thorschlüssel der Ghettos zu machen, Herr, diesen Schimpf lasse ich nicht auf das Christenthum kommen, ich, der Jude, vertheidige es wider Ihre gräulichen Zumuthungen und Beschimpfungen. Nein! die Religion sagt niemals: bedrucke, knechte deinen Mitbruder auf Erden! niemals sagt sie: störe und untergrabe, hindere und trübe sein Glück und seine Ruhe, sein Bewußtsein und seine Kraft! Niemals sagt dies die Religion, sondern nur die Heuchelei, welche die Maske der Religion vornimmt. Also die Religion ist die Bürgschaft eines reinern, höhern, sittlichern Zustandes — gut: und dieser höhere, reinere, sittlichere Zustand bestände Ln mehr oder minderen. Beschränkungen von Nebenmenschen, denen die Geburt und dann die Ueberzengung ein anderes Bekenntniß in's Her; gelegt, ein anderes, von dem der Meister Ihrer Religion sagt: ich bin nicht gekommen, es abzuschaffen'? Sehen Sie, da sprechen Sie wieder anders, wie die Religion, denn diese sagt aus: deinen Bruder, den du irrend glaubst, belehre ihn durch Wort und Thal, aber drücke ihn nicht, und thu' ihm nicht wehe! Sie aber wollen ihn dennoch beschränken, ja auf's mehr oder minder kömmt es Ihnen nicht einmal an, Sie, herzloser Wortklauber, als wäre Menschenleben ein Stein, auf den zwei- oder dreimal zu klopfen es nicht ankömmt. Doch ruhiger. Wie? wenn nun der Katholizismus sagte: nur ich bin Bürgschaft des bessern, reinern Zustandes, von mir muß der Staat und die Gesellschaft durchdrungen sein, denn ich allein bin das wahre Christenthum, und bei dem Standpunkte der Protestanten darf es nur um mehr oder minder Beschränkungen ankommen? Wahrlich, Sie werden mich schon schmähen, daß ich den Katholizismus nur so reden lassen will, und doch liegt es weit, weit näher, als daß das Christenthum vom Judenthume so spreche: denn der Katholizismus muß die Protestanten als Abgefallene betrachten, das Christenthum kann aber von den Juden nicht sagen, sie seien von ihm abgefallen, sondern höchstens nur: sie sind nicht bis zu mir gekommen. Sie sagen: alte unsere bürgerlichen Einrichtungen sind vom Geiste des Christenthums durchdrungen. Frage ich Sie nun, welches ist der Geist des Christenthums? Sie müssen mir antworten, denn alle Lehrer des Christenthums sagen es: es ist der Geist der Liebe und der Duldung. Nun, waren damals die bürgerlichen Einrichtungen von diesem Geiste durchdrungen, als man die Juden mit gelben Lappen bezeichnet und in Ghetti's einschtoß? sind sie es da, wo man ihnen jeden redlichen Erwerbszweig versagt? sind sie es da, wo man ihnen nicht erlaubt, vom-Ufer eines Flusses zum andern zu ziehen? sind sie es da, wo mau ihre Ehen an eine bestimmte Zahl bindet? sind sie es da, wo man den tüchtigsten Rechnenlehrer nicht Rechnen lehren läßt, weil er ein Jude ist, und französische Grammatik ans einem Munde verwirft, der da sagt: Höre, Israel, der Ewige ist einig!? -Und meinen Sie, das Judenthum ist nicht Bürgschaft einer edler», glücktichern Zukunft? Das Judenthum, welches einen künftigen Messias lehrt, eine Zeit, wo Wolf und Lamm neben einander lagern, das Kind mit der Natter spielen, und die Völker ihre Waffen zu Sicheln und Winzermeffern umschmieden werden, das Judenthum lebt ja noch vielmehr für die Zukunft, als irgend eine Religion. — Und weiter, selbst alle Ihre Phrasen zugegeben: geht denn das Christenthum, wenn es alle bürgerlichen Einrichtungen durchdrungen hat, wenn alle Staatsgesellschaften darauf gebaut sind, unter, wenn die Handvoll Inden Nachtwächter und Professoren werden können und Freizügigkeit bekommen? ist denn damit das Prinzip und das wirkliche Leben der Gesellschaft außerhalb des Christenthums gekommen? strecken die Thürme von Xotre-vrrme sich nicht mehr Ln die Lüfte, weil auch ein Jude Oberstlientenant geworden? wimmeln die französischen Kirchen weniger von Besuchern darum? Rein! mit allem dem haben die Juden nichts zu thun, und eS ist eitel Konsequenzmacherei, Wortklauberei, die jeder wahrhaften Religiosität ermangelt. Seh' ich auf die geltenden Gesetze, so seh' ich noch immer keinen weitern Unterschied zwischen dem corpus juris und dem Allg. Preuß. Landrecht, als was die Zeit gemacht hat. Seh' ich auf die politischen Kämpfe, auf das Treiben der Parteien, so seh' ich noch immer den alten Streit und Haß, der das römische Forum bewegt hat. Das Leben mag milder, inniger, religiöser geworden sein; der Staat und das Gesetz, die ganze politische Bewegung ist noch keinen Zoll breit der Religion näher gerückt, als bei Griechen und Römern. Näher? Neinl vielleicht einen Schritt mehr zurück. Denn die Römer haben die Religion nie zum Vorwand der Unterdrückung gemacht, und Aegypter und

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