Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-07-23 · Heft 30 (23.7.1842) · p. Seite 446

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 30 (23.7.1842)
Date
1842-07-23
Page
Seite 446 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225258--04545-3314141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

446 rian, oder R. Chija b. Abba im Namen des R. Jochanan gegeben). Ermangelt nun schon diesemnach das aus dem bab. Talmud aufgeführte Gebäude aller wissenschaftlichen Grundlage, so wird es durch die Frage, ob der Talmud von anerkannten Gelehrten redigirt, oder vielleicht nur gleichsam vom Zufall zusammengetragen worden, vollends wankend gemacht. Aber in jener Zeit beschäftigte man sich mit solchen müßigen Fragen nicht; man griff alles Vorgefundene begierig auf und verschaffte ihm Geltung im Leben. Die spätem Gelehrten erleichterten selten etwas gegen die Frühem, sondern erweiterten und umzäunten nur noch' meist ihre Umzäunungen der Umzäunungen von Umzäunungen. Das selbstständige Urtheil wurde immer mehr beengt, der Gelehrte ein bloßer Bücherkasten, „eine Kalkgrube, die von ihrem Inhalte Nichts verliert/' aber auch Nichts verarbeitet. Ein solcher Bücherkasten konnte wol manche fremdartige, wild gahrende Fächer haben, sie waren aber alles inner» Einfluffes beraubt. Bei solchen Bewandtnissen war es nun natürlich, daß die altern Werke, in denen der größte Theil der nun geltenden Lebensregeln keine Erwähnung und häufig sogar Widerspruch fand, immer mehr aus dem Kreise der Studien wichen. Und hatte der große Maimonides nicht durch seine, die ganze Anschauungsweise der Zeit tief erschütternde Philosophie Mißtrauen erregt: es wäre ihm wol gelungen, den gordischen Knoten durch seine „starke Hand" durchzühaum und den Faden der Entwickelung an dieselbe zu knüpfen. Endlich ward das freie Urtheil gänzlich erdrückt, eine große Waage wurde aufgestellt, wobei die Gewichtsteine nicht etwa Vernunftgründe, sondern mehr oder weniger klangvolle Namen waren (f. R. Joseph Karo's Vorrede zum 12). In solchen aus dieser Waage hervorgegangenen Bestimmungen besteht der Schulchan Aruch. Die Nachzügler begnügten sich nicht damit, sondern bauten auf dem Ungeheuern Koloß weiter fort, ohne einmal nachzusehen, ob ec nicht vielleicht auf — thönernen Füßen stehe! — Das Volk horchte willig und gedankenlos aus die Bescheide der Rabbinen, seinen todten Uebungen wohnte nur eine einzige Idee an, der Glaube, daß Gott Wohlgefallen daran finde. In diesem Glauben fand es überreichen Trost für die Unterdrückung und Mißhandlung von außen, und es laßt sich nicht verkennen, daß in dieser Zeit extensiv weit mehr Tugend und Gemeinsinn herrschten, als jetzt. Ganz Israel war wie ein Mann. Alle geizten nach der Gelegenheit, sich dem Ganzen ausopfern zu können! Mochten die meisten es immerhin aus Lüsternheit nach dem Lewkjathan und Schor habbar gethan haben, genug, sie thaten es; wahrend unsre Aftergebildeten, zu beschrankt und za trage, die verschiedenen Meinungen selbst zu prüfen, sich aller Autorität und Belehrung entziehen, und ihrer thkerischen Selbstsucht folgend, in ihr eigenstes Ich zurückziehen. Indessen dürfen wir unsre Zeit nicht im Geringsten anklagen! Sie zerstört wöl mit dem Schlechten auch manches Gute, dies ist aber unvermeidlich. In einer Zeit der Verfolgung und Verachtung war es gut, daß man, damit das Selbstgefühl nicht erstürbe und der Abfall nicht um sich griffe, eine zahllose Menge von Satzungen beobachtete, in der Ueberzeugung, Gottes Wohlgefallen dadurch zu gewinnen. Mit innerm Stolze und verdienter Verachtung sah man nun auf die Verfolger herab, und es konnte nicht fehlen, daß man zur Erhaltung der Religion und ihrer Bekenner Gut und Blut willig opferte. In unsrer Zeit aber, wo die Staaten sich immer mehr zur großen Idee der Gewissensfreiheit erheben und uns immer mehr den Eintritt in den bürgerlichen und politischen Verband gestatten, da würde die Folge jener zahllosen Satzungen, selbst wenn sie allgemein geübt würden und also den innern Frieden nicht störten, nur verwerflicher Hochmuth sein. Es ist daher die Aufgabe unsrer Zeit, alles Unnütze und Grundlose auszuscheiden. Die kritische Schule wird auch diese Aufgabe am sichersten lösen, und es verdienen schon deshalb ihre Bestrebungen die Unterstützung der Menschenfreunde. In dieser innersten Ueberzeugung wagt es Schreiber dieses, die Gelehrten Jsrael's zu einer neuen Auflage der- Eingangs genannten Werke aufzufordern. Es wäre überflüssig und die Grenzen dieses Blattes weit überschreitend, wollte ich den mannigfachen Nutzen dieser Werke für Kritik und Reform auseinander setzen. Ich will daher nur zwei minder bekannte, aber hochwichtige Momente hervorheben. 1) wird in diesen Werken öfter dem Talmud geradezu widersprochen. So z. B. sagt der Komm, ad Alfasi Berachot 38a (ed. Wien), daß H.G. und nachfolgend auch Alfasi den talmudischen Ausspruch verwerfen, nach welchem in den Segenspruch bei Leidtragenden auch die Worte: übiöm miBD3 fipib „er (Gott) nimmt Leben mit Gerechtigkeit" aufzunehmen seien. Der K. giebt als Verwerfungsgrund an, daß, da es auch ohne durch Sünden bewirkte Todesfälle giebt, man nicht füglich sagen könne: tasttDfca; er drückt aber seine höchliche Verwunderung darüber aus, daß man dem Talmud so geradezu widerspricht, zumal da Gottes Wege

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.