Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1842)
- Date
- 1842-07-09
- Page
- Seite 412 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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412 Das in Deutschland fast allgemeine Verlangen nach einem geläuterten Gottesdienste wurde auch hier längst gefühlt, und heischte sowol wegen seiner inneren Berechtigung als auch deshalb baldige Befriedigung, weil die jüngere Generation mit jedem Jahre mehr sich von dem bisherigen Gottesdienste zurückzog. Unser verehrliche Vorstand trug, unter Darlegung dieser beiden Motive, bei ifb-ia, dem Herrn Landrabbiner Egers, auf eine Modifikation der herkömmlichen Liturgie an, und bewirkte dadurch, daß dieser sich bereit erklärte, Vorschläge zu einer Läuterung unseres Gottesdienstes entgegcnzunehmen, und diejenigen derselben in Erwägung zu ziehen, welche nicht gegen den -jribs::-; yankampfen würden. In Folge dieser Erklärung wurde in einer Versammlung der Herren Vorsteher und Repräsentanten der Unterzeichnete mit Anfertigung eines Entwurfs zu einer neuen Agende beauftragt, und ihm 4 religiöse und intelligente Männer beigegeben. In Gemeinschaft mit diesen Herren arbeitete ich den Entwurf aus; ich benutzte dabei die Agende der Kopenhagener Gemeinde, die württembergische Synagogenordnung, die herkömmliche portugiesische Agende, sowie die Privatnotizen einiger Rabbinen und Prediger von Ruf, welchen ich hiermit zugleich meinen Dank für ihre Unterstützung abstatte. Nächstdem nun, daß wir innerhalb der von dem Herrn Landrabbiner angegebenen Grenzen zu bleiben wünschten, war unsere Richtschnur bei dieser Arbeit, nur soviel Neues vorzuschlagen, als die folgenden Gesichtspunkte dringend forderten, nichts dagegen um seiner Neuheit allein willen. Denn wol nicht mit Unrecht erschien uns in Angelegenheiten der Religion das Neue eher störend als fördernd; wer das Gegentheil gesunden zu haben glaubt, verwechselt vielleicht die allerdings wohlthätige Neuheit, welche durch Abwechselung erzielt wird, mit der absoluten Neuheit. Unsere Gesichtspunkte waren, den Gottesdienst I) kürzer, 2) verständlicher, 3) den ästhetischen Sinn ansprechender zu machen. Wir haben daher all I) manche inhaltlose, matte oder zu viele Wiederholungen enthaltende Piutim, desgleichen all 2) Stücke von zu schwerem Verständniß oder zu künstlicher Diktion weggelaffen, und einige deutsche Gebete eingelegt. A4 3j wurde angenommen, daß die Gemeinde die Gebete, welche sie allein zu sagen hat, leise oder höchstens halblaut sage, dagegen in den responsorischen Stücken nur ihre eigenen Responsa, niemals die des Chasan vor- oder nachsage, wie das bisher mißbräuchlich geschah, und die Responsa erhabenern Inhaltes durch Chorgesang vortrage. Wir suchten 4) das Unjüdische, das sich in unsere Liturgie eingeschlichen hat, und 5) so manchen durch frühere Verfolgungen ausgepreßten, aber unseren friedlicheren Zeiten nicht mehr angemessenen Stoßseufzer aus den Gebeten zu entfernen. Als der Entwurf fertig war, legte ihn die Kommission dem Herrn Landrabbiner vor;, derselbe ging ihn mit mir durch, ließ noch Manches streichen, was, wenn auch nicht gegen den ‘p"';* inbian doch ihm von seinem Standpunkte aus unthunlich erschien, und erklärte sodann in einer Versammlung der Herren Vorsteher und Repräsentanten, daß er der Einführung des also amendirten Entwurfs nicht entgegen sein wolle. Hierauf wurde dieser von den erwähnten Herren und kurz darauf in einer Versammlung der Gemeinde von der letzteren angenommen. Seit Sabbat Paraschat Emor d. I. wird unser Gottesdienst nach dieser neuen Agende gehalten. Die Gesänge hat unser Chasan, Herr Goldberg, ein musikalisch gebildeter Mann, und Herr Musikdirektor Freudenthal, ebenfalls ein Mitglied unserer Gemeinde, aus dem Schir Zion von Sulzer und den in Kassel eingeführten Gesängen zusammengestellt und mit trefflichen eigenen Kompositionen vermehrt. Daß nun eine unter vorstehenden Umständen zu Stande gekommene Agende ihre Mängel haben, namentlich an vielfältigen Inkonsequenzen leiden müsse, kann Niemand stärker fühlen als ich selbst; indeffen ist es rathsamer, glaube ich, wenn auch erst einen kleinen Schritt zum Besseren zu thun, als entweder dieses Bessere im Sturmschritt erreichen zu wollen, und dadurch der guten Sache zu schaden und für sie verloren zu gehen, oder gar zu warten, bis dieses Bessere von selbst komme, und die gute Sache inzwischen zu Grunde gehen zu lassen. Auch scheinen, mir solche partielle und sporadische Reformnersucke die tauglichsten Vorarbeiten zu einer dereinstigen Synode zu sein; „ein Stück Wirklichkeit" ist solideres Baumaterial als die beste, ausgearbeitelste Theorie.!)>-. Herzfeld, Rabbiner adj.