Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1842)
- Date
- 1842-06-25
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Niemals werden wir mißbilligen, was die Kammer für die anderen Kulte thut, wir sympathisiren in Allem, was die moralischen Interessen des Staates heben und verfestigen kann; aber nichts desto weniger ist es doch wünschenswerth, daß eine vollkommne Unparteilichkeit in dem Schutz und den Vortheilen herrsche, die man den verschiedenen Kulten angedcihen läßt. Die letzten Diskussionen in der Kammer, die gewichtigen Eröffnungen, die geschehen sind, machen diesen Wunsch nur dringender. Das Verwerfen der geforderten Vermehrung für den isr. Kultus berührt uns unter finanziellem Gesichtspunkte wenig; aber der Kontrast zwischen den Vermehrungen für die christlichen Kulte und der Verminderung für den israelitischen ist doch zu frappant. Herr Delessert hat erwiesen, daß der katholische Kultus, der 36 Millionen vom Budget erhält, ungefähr 1100 Fr. für IOOO Seelen empfängt, der protestantische, der 1,100,000 Fr. erhält, ungefähr 700 Fr. für 1000 Seelen, und der israelitische nicht einmal 400 Fr. für 1000 Seelen. Und doch erfordert, was Herr Delessert vom Protestant. Kultus sagt, gerade der unsrige, weil er der der Minorität ist, viele besonderen Ausgaben in der religiösen Hülse in Schulen, Hospitälern ff. Hoffen wir, daß der israelit. Kultus endlich im Schooße des Parlaments ein eifriges und edelherziges Organ finden wird, um die Vortheile zu erwerben, die man ihm ohne Ungerechtigkeit nicht verweigern kann. Pr errßen. Berlin. (Schluß des Artikels über die Vertheilung der Juden im Preuß. Staate.) So weit der Verf. Diese Beurtheilung ist, offen gesagt, aus sehr schiefen Ansichten zusammengesetzt, deren Widerlegung nicht allzuschwer werden kann. Zuerst: Herr H. geht von dem Vordersatz aus, es wäre in den verflossenen 30 Jahren sehr wenig Veränderung im Leben der Juden eingetreten, und die Erlaubniß, Gewerke zu betreiben, wäre noch wenig von den Juden benutzt worden. Dieser Behauptung hätte nothwendig eine statistische Darlegung zu Grunde gelegt werden müssen. Der vielerfahrene Statistiker konnte hierbei nicht von einer Lokalanschauung ausgehen, etwa von Berlin, sondern er hätte seinen Satz mit Daten belegen sollen. Zunächst hat sich unter den Juden eine merkwürdige Veränderung im Handelsstande selbst in den vergangenen drei Dezennien bewerkstelligt. Der jüdische Kaufmann ist solcher im vollen Sinne mit aller diesem Stande nothwendigen Bildung geworden; er hat sich von einzelnen Zweigen auf alle kaufmännischen Branchen geworfen, seine Reellität ist gewachsen, und steht jedenfalls mit der des christl. Kaufmanns auf einer Stufe. Ist dies Nichts? Dann ist der jüdische Handwerksstand bei weitem nicht so geringzählig, wie der Herr H. meint. Die Lokalitäten sind hierin sehr verschieden; allein ich kenne Gemeinden, wo schon die Hälfte Mitglieder Handwerke betreiben. Was hierbei die Sabate und Feste betrifft, so holt der fleißige jüdische Arbeiter das Versäumte bald nach, am Sonntage, sobald sein Handwerk die öffentliche Ruhe nicht stört, und — während der christliche Arbeiter — blauen Montag hält. Was die Zahl der Aerzte betrifft, so hat auch hier Herr H. nur — Berlin vor Augen. Wir haben hier in der Provinz Sachsen —• 5 jüdische Aerzte, während in Magdeburg allein 50 Aerzte wohnen. Was diesen Stand, wie überhaupt das Andrängen der Juden zu den höheren Ständen betrifft: so vergißt Herr H., daß den Juden so wenige Zweige geöffnet sind, daß ihr Andringen sich in diesen wenigen allzu bemerklich machen muß. Laßt die niederen Sphären des öffentlichen Lebens auch den Juden zugänglich werden, laßt verhältnißmäßig die Juden auch Unteroffiziere, Kopisten, Schreiber, Registratoren, Steuer- und Polizeioffizianten ff, ich sage, nur verhältnißmäßig, werden, und das Andringen verliert sich. So aber gilt für den Juden: entweder Nichts oder Alles! entweder du strebst und strebst hinan, oder du versinkst ganz in Nichts.- Es ist dies eine traurige Sache, und man möchte die Feder oft stumpf stoßen vor Ingrimm, wenn man das Vorurtheil ewig blind, ewig in dieselben Sackgassen derselben Argumente sich festrennen sieht. Man macht dem Juden das Leben sauer, o, sehr sauer, und dann leugnet man sein mühsames Resultat entweder ganz weg, oder verkümmert es noch zu Angriffen gegen ihn. Wer in einer Grenzstadt lebt, wie ich, der weiß es wohl. Täglich beinah kommen jüdische Handwerksgesellen zu mir: der Eine ist, weil er Jude, von der Polizei zurückgewiesen,