Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1842)
- Date
- 1842-05-28
- Page
- Seite 330 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225227-3225250--04417-3314005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
330 hinlänglich bekannt, daß Nürnberg bald nach seiner er- | sten Erscheinung unter den Städten Frankens bis zum; Jahre 1499 eine sehr zahlreiche Judengemeinde hatte.! Minder bekannt dürste die Zeit und der Verfolgungs-! sturm sein, die dieser Gemeinde ein Städtchen Ln der damals unfruchtbarsten und wildesten Gegend Frankens als Wohnort annehmlich machten. Auch der Einfluß, den diese Gemeinde auf Nürnbergs Erhebung zur ersten Handelsstadt Frankens äußern mußte, wurde meines Wissens bis jetzt noch von Niemand erwogen. In Bezug auf die erste Erscheinung der Juden in Nürnberg weisen wir die Behauptungen derer zurück, j welche sie die Stadt an den belagernden Kaiser Heinj rich V. im Jahre 1105 verrathen lassen, da ja dies Stadt- ' chen auf Heinrich's IV. ausdrücklichen Willen an besten! Sohn durch Vertrag überging. Folglich wurde es auch! damals nicht verbrannt, noch die Einwohnerschaft theils > niedergehauen, (Heils versprengt, noch den allein zurück- > gebliebenen Juden dadurch Gelegenheit gegeben, die Stadt! für sich wieder aufzubauen und mit uneingeschränkter Freiheit die schönsten und gelegensten Platze sich selbst zur Svnaqoge und zu Wohnungen anzueignen. Diese aus der Lust gegriffene Beschuldigung der ältesten Chronisten Nürnbergs bezeichnet uns blos die ftindseligeStimmung der damaligen christlichen Bevölkerung der Stadt über den schneller wachsenden Wohlstand der Juden, die sie doch nach ihren fanatischen Ansichten als unter dem Fluch begriffen, jedes äußern Glückes für unwerth hielt, j Hierbei kommt jenen Chronisten bei ihrer willkürlichen! Annahme eines sehr hohen Alterthums der Stadt, z. B.! ihrer Erbauung durch Drusus Nero rc. auch der Um-; stand zu statten, daß sie die fehlenden schriftlichen Urkunden aus den Zeiten vor Christi Geburt glücklich konn- ten in Rauch aufgehen lassen, so daß die beiden steiner- ' nen, der Nerosthurm und Dianentempel, als stumme Zeugen allein übrig blieben. — Man muß daher richj tig als Zeit der Ansiedtung derJuden in Nürnberg die beiden ersten großen Judenverfolgungen in Deutschland, von lO96 und 1136 bis 1146, annehmen. Wie gräßlich derSchwarm von Fanatikern, der sich für den ersten Kreuzzug unter dem Priester Gottschalk und Emicho von Leiningen genur an die Mitglieder desselben vertheilt werden, so stehen wir nicht an, diesen und einen folgenden Artikel aus dem Jahre 1839, als wichtige Beiträge zu der Geschichte der deutschen Juden im Mittelalter, hier mitzutheilen. Redakt. sammelt hatte, gegen die Juden am Rhein bis zur Donau mit Raub und Mord wüthete, wie die Juden selbst in Verzweiflung in Mainz und an vielen andern Orten tausendweise erst ihre Frauen und Kinder, dann sich selbst gegenseitig erwürgten, um jenen Greuelmenschen zu entgehen, ist weltbekannt. Weniger Zeugnisse Liefern uns die meist mönchischen Chronisten über die auch durch ihre Langwierigkeit weit schrecklichere zweite Hauptvcrfolgung kurz vor dem zweiten großen Kreuzzug (1147 bis 1149), wahrscheinlich aus einigem Schamgefühl über die aus den von ihnen als heilig gepredigten Kreuzzügen taglich schauderhafter entwickelte Entmenschung der deutschen Christenheit. Diese Verfolgung tobte am fürchterlichsten am ganzen Rheinsirom und schien die letzten Spuren dieser Unglücklichen vertilgen zu müssen. Selbst der sogenannte heilige Bernhard, Abt zu Clairveaux, dessen Ruf der Heiligkeit Papst Eugen KL vornehmlich zur Aufreizung der deutschen Völkerschaften zu dem Kreuzzug benutzte, tadelte in einem offenen Brief das grenzenlose Uebermaß der Grausamkeit dieser Judenverfolgung. Nun ist es an sich nicht widersprechend anzunehmen, daß schon bei der ersten Verfolgung Hunderte der furchtsamern und durch bürgerliche Bande weniger gebundenen Juden, bis an die entgegengesetzten waldreichen östlichen Grenzen Deutschlands flohen. Sehr leicht konnte auf diesem Weg Kaiser Heinrich IV. manchen seiner treuen Kammerknechte und einträglichsten Steuerzahler, sein er'genthümllches kleines Nürnberg (oppidum gentiliciin». Aventin.) als Zufluchtsort öffnen. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, daß die sonst so geduldigen Rheinjuden ihre vielhundertjährigen gesegneten Wohnsitze sogleich nach der ersten Hauptvecfolgung für eine damals so wüste Gegend sollten aufgegeben, und nicht vielmehr von einem wirksamem Schutz des Kaisers und der Reichssürsten, (welche letztere die Kaiser durch Verleihung des Hohheitsrechtes, Juden zu hatten, zur kräftigsten Mitbeschützung derselben berufen hatten,) größere Sicherheit ihres Lebens und Eigenthums für die Zukunft erwartet haben. Und wirklich finden wir bei dem Ausbruch der zweiten Hauptverfolgung nach 46 Jahren, die Juden schon wieder so zahlreich am Rhein und in dessen Nachbarschaft, daß wie bei der erstem Hinmetzelung so vieler Tausende kaum irgend eine Zerstreuung ihrer Ueberbleibsel in entfernte Gegenden annehmen können. Auch wäre schwerlich eine ehemals schon in Nürnberg ansässige Judengemeinde von dieser zweiten Verfolgung völlig unberührt geblieben. Dies bestätigt Otto von Freistngen, als Zeitgenoß, ein glaubwürdiger