Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1842)
- Date
- 1842-05-14
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
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295 Verbrecher ohne Rücksicht auf die vorhergegangene Ceremonie, die gesetzliche Strafe trifft. — Wollte man von der politischen Stellung der Israeliten in den Vereinigten Staaten einen Schluß auf daS religiöse Gedeihen unserer überseeischen Glau-; bensbrüder ziehen, so müßte das Resultat ein höchst erfreuliches sein. Leider ist dies nicht der Fall! — In dem einzigen Lande, wo der Israelit sich am , freiesten bewegen kann, in dem einzigen Winkel der Erde, wo er seine Menschenwürde, wie vormals im eigenen Vaterlande fühlt, ist sein religiöser Zu- - stand der schmachvollste zu nennen, ja scheint das i Zudenthum nicht gedeihen zu wollen! Der gläubige \ Jude sieht darin einen Fingerzeig Gottes, der die Gründung eincS zweiten Jerusalem's sich selber Vorbehalten hat, der nur alsdann Religiosität und politische Freiheit Hand in Hand gehen lassen wird, wenn er die Ueberreste Iakob's sammeln wird aus den vier Himmelsgegenden der Erde! — Es giebt in der Union zwei israelitische Hauptsektcn: die portugiesische und polnische; beide unterscheiden sich, wie bekannt, durch die verschiedene Les'art des Hebräischen, durch Verschiedenheit der Piutim und gewisse, wenn gleich unerhebliche Ceremonien. In religiöser Beziehung stehen die portugiesischen Israeliten ungleich höher, denn obgleich auch sie im Ganzen genommen entartet sind, so trifft man doch noch auf Rabbiner, die, als gottesfürchtige Seelenhirtcn, ihrer Heerde mit gutem Beispiele vorangehen, auf Gemeindeinitglieder, welche ihr Haus zu einem Tempel Gottes gemacht, ihre Kinder in der mosaischen Lehre erzogen haben; auf Personen, die den Sabbat heiligen und Gottes Ge-! bote als wahre Israeliten halten. Zwar ist leider j die Zahl dieser Frommen eine sehr geringe, ungleich j geringer, als in irgend einem Theile der alten Welt,! aber sie sind doch aufzusinden. — Anders gestaltet es sich, wenn man das Treiben der andern Sekte beobachtet! Da dringt sich einem die Ueberzeugnng auf, daß ganz Europa den Auswurf des Judenthums über Amerika ausgespicn. Wir wollen mit dem Süden und zwar mit Louisianna beginnen. In der Stadt New-Orleans leben 700 jüdische Familien, unter diesen finden Sie nur allein vier Haushaltungen, wo unerlaubte Speisen gemieden werden, nur zwei, wo die Sabbatruhe gehalten wird. Ueber zwei Drittel der Gemeinde - Mitglieder lassen ihre Söhne nicht beschneiden und vielleicht keine fünfzig der beschnittenen Knaben verstehen auch nur die täglichen Gebete in der Ursprache zu lesen. Beide Hauptsekten haben sich hier zu einer Gemeinde vereinigt und besitzen nur eine Synagoge, die kaum fünfzig Personen fassen kann, aber übergeräumig ist, da sie nur am Sabbat und an hohen Festtagen besucht wird, wo es denn gewöhnlich an der gesetzlichen Zahl zum gemeinschaftlichen Gebete fehlt. Die vereinigten Gemeinden besitzen eine Abschrift der Tora, ein so durchlöchertes Manuskript, daß man bereits vor zehn Jahren nicht hätte daraus oorlesen dürfen. Diese musterhafte Gemeinde besitzt einen eben so musterhaften Geistlichen, der ihr in allen Schlechtigkeiten vorangeht. Dieser Schandfleck unter der jüdischen Geistlichkeit ißt, was ihm vor den Schnabel kommt, hält nicht einmal das Peßachsest, ja, hat keinen seiner Knaben beschneiden lassen! Mr. Markes — so ist sein Name — ist aber auch viel zu beschäftigt, denn er bekleidet neben dem Rabbiner-Posten noch den eines Schauspielers am.American Theatrc und den eines Hauptmanncs bei einer der — Feuerspritzen. Am Purimseste konnte das Buch Ester nicht verlesen werden, weil, wie der Gemeinde- Vorsteher der andächtigen Versammlung bekannt machte, der Herr Rabbiner, als Vorleser, bei der— Spritze beschäftigt sei. — Am Abend unseres Neujahrfestes ging ich mit meinem Wirthe, einem der obenerwähnten vier religiösen Israeliten, in die Synagoge. Der Schauspieler und Rabbi machte den Vorbeter. Nach Beendigung des Gottesdienstes trat mein Wirty auf ihn zu und fragte ihn, ob er gesonnen sei, Tags darauf ebenfalls den Vorbeter zu spielen. Als er dies bejahete, bemerkte der Frager, daß er einen Mann, der seine Söhne nicht beschneiden lasse, der sich am Todestage seiner beiden Kinder viehisch betrunken habe, nicht dieses Amtes für würdig halte. Der Herr Rabbiner, außer sich vor Wuth, schlug auf das Gebetpult und rief: By Jesus Christ! I havc a right to pray!“ —*) Der verstorbene Rabbiner war von Geburt ein Holländer, der eine Katholikin zur Frau hatte, die nur mit Mühe davon zurückgehalten werden konnte, ihm ein Kruzifix mit in's Grab zu geben. Von *) Bei Jesus Christus! Ich bin berechtigt dazu! —