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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-05-14 · Heft 20 (14.5.1842) · p. Seite 291

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 20 (14.5.1842)
Date
1842-05-14
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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Sitten und Gebräuchen der Bewohner dieses, in jeder Beziehung höchst merkwürdigen Erdtheils bekannt gemacht. Als Israelit liegt es wol in der Natur der Sache, daß ich hohes Interesse fühlte, mich durch den Augenschein von der Lage und dem Zustande meiner daselbst wohnenden Glaubensbrüder, sowol in politischer, als in religiöser Beziehung, zu überzeugen. Nachstehender Bericht ist das Erg ebniß meiner Beobachtungen; er unterscheidet sich hauptsächlich durch die ungeschminkte Wahrhaftigkeit und die gewissenhafteste Treue in der Darstellung von den, von Zeit zu Zelt, aus nicht ganz lauterer Quelle, zu uns herüber kommenden Nachrichten. — Im ganzen Süden Amerika's findet man nicht Eine jüdische Gemeinde, obgleich die ehemaligen spanischen Kolonien, nachdem sie ihre Unabhängigkeit vom Mutterlande errungen hatten, vollkommene Glaubensfreiheit proklamirten. Dann und wann stößt man auf solche Israeliten, die in neuerer Zeit aus Europa einwanderten; diese unterscheiden sich jedoch in ihrem Wandel durch nichts von dem übrigen Theile der Bevölkerung, von der sie mit demselben Rechte Juden genannt werden, mit dem die Bewohner Chili's und Peru's auch die unter ihnen lebenden Engländer so nennen, weil diese nicht rechtgläubig katholisch sind. Dem spanisch-katholischen Christen scheint Jude und Ketzer gleichbedeutend zu sein. — Eine andere Klasse von Israeliten, wenn sie diesen Namen noch verdienen, gehört der älter» Bevölkerung des Südens an and ist, von Spanien und Portugal aus, wahrscheinlich um dem Späherauge der Inquisition und den Auto da Fes zu entgehen, vor Jahrhunderten hier eingewandert: ich meine die bei uns unter dem Namen Onziem bekannten Sqieinchristen. — In Rio de Janeiro lebte ich für mehrere Wochen in dem Hause eines gewissen Benseden, mit dessen Familie ich zuweilen einen Abendspaziergang nach dem, von der Natur so prachtvoll ausgestatteten Hafen machte. Traf es sich, daß eine Prozession durch die Straßen zog, so warfen sich meine Begleiter, beim Schall des Glöckchens sich bekreuzigend, gleich der übrigen gläubigen Menge, in den Staub oder Koth nieder. Kurz, nichts ließ mich auch nur im Entferntesten ahnen, daß ich in einer nicht echt katholisch-christlichen Familie lebte. Eines Morgens, es war ein Tag vor meiner Abreise, überraschte mich der älteste Sohn meines Wirthes beim Umlegen der Gebetriemen; mit dem Ausrufe „Tefilin!" zog er sich wieder zurück. Man denke sich mein Erstaunen, den hebräischen Namen für eine Sache zu hören, die vielleicht seit der Entdeckung dieses Landes daselbst noch nicht gesehen worden ist! Also Don Jose Benseden de Casacalvo war wahrscheinlich ein Ben Zedeck und ein heimlicher Bekenner unseres Glaubens! — Dies sollte sich am Abend desselben Tages bestätigen. Nachdem ich auf's Geradcwohl die Ueberzeugung gegen meinen Wirth ausgesprochen, daß er mein Glaubensgenosse sei, vertrauete er mir, unter dem Siegel der Aerschwiegenheit, daß er ein Nachkomme von Israeliten sei, die von Saragossa abstammten. Bei der Judenvertreibung seien seine Vorfahren nach Portugal ausgewandert, und, als auch hier die Verfolgungen überhand nahmen, wären sic äußerlich Bekenner des Christenthums geworden, seien aber im Herzen stets Israeliten geblieben. Er zeigte mir ein auf Pergament geschriebenes Machsor, vollendet im Jahre der Welt 5166 — ein sehr schätzbares Manuskript, ohne Vokale, an manchen Stellen hatte das Pergament etwas gelitten, doch konnte es im Ganzen eine ziemlich gut erhaltene Handschrift genannt werden, die, gleich der Tora in unfern Synagogen, aufgerollt war.— Für meinen Wirth war diese Rarität von keinem Nutzen, da er sie nicht zu lesen verstand; dessen ungeachtet schätzte er cs als Familien-Neliquie und wies meinen Antrag, es sihm abzukaufen, höflich, aber mit Festigkeit, zurück. — Das, was ihm und den Seinen von mosaischen Gesetzen und Gebräuchen bekannt war, war ihnen auf traditionellem Wege mitgetheilt worden. Von hebräischen Gebeten wußte er das Jigdal und Schma herzusagen, verstand auch die Bedeutung derselben, sonst aber war eben so wenig von einer Feier unserer Feste, wie von Beschneidung die Rede. — Als ich ihm bemerkte, daß die brasilianische Regierung jede Ausübung einer Religion gestatte, und er sich daher öffentlich zum mosaischen Glauben bekennen dürfe, bestritt er dies, indem er meinte, daß seine Familie bereits seit Jahrhunderten als eine echt christliche bekannt und das Vorurtheil der Bevölkerung einem solchen freien Bekenntnisse entgegen sei. „Mein Vater" — setzte er hinzu — „pflegte zu sa-

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