Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-04-30 · Heft 18 (30.4.1842) · p. Seite 265

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 18 (30.4.1842)
Date
1842-04-30
Page
Seite 265 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225246--04348-3313932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

265 zem den Anstrich des Besseren und Vollkommenem gewinnt, so schreiten auch die dort lebenden Juden, vor allen die Ovessa'schen, in ihrer sittlich-geistigen Veredlung sichtlich vor. Diesen raschen Aufschwung seiner Zustände verdankt dieser Landstrich dem trefflichen Verwaltungssystem seines gegenwärtigen Generalgouverneurs, des Grafen Woronzow. Die Odessa'schen Juden haben ihren heutigen Standpunkt begriffen, der sie anweist, mit der übrigen Bevölkerung sich der europäischen Kultur anzuschließen, hinter dieser nicht mehr zurückzubleiben, ihre alte todte morgenländische Hülle, die sie bisher noch umgab, abzuwerfen. Ihre heutige Lebensweise, die Erziehung ihrer Kinder, ihre Kleidung entäußert sich immer mehr der frühem Nationalformcn, und sie nehmen die Gebräuche der Mitbewohner an, ohne dennoch von den Fundamentalgesetzen ihres Glaubens zu weichen. — Vom löblichen Geiste dieses Vorschreitens wird aber die zahlreiche jüdische Bevölkerung in den westrussischen Gouvernements, wie überhaupt im Königreich Polen, noch keineswegs beseelt. Diese hängt noch immer hartnäckig und unverändert den Gebräuchen der Vorväter an, ist im Vergleich zu diesen sittlich viel schlechter geworden, hat sich alle Gebrechen der neuern Zeit, aber nichts Gutes von dieser angeeignct, und wird in diesem Zuschnitt eine wahre Seuche für die übrige Mitbevölkerung, am meisten aber für den grundbesitzlichen Volksstand, welchen sie unter allerlei täuschenden Vorspiegelungen sich ganz zu unterwerfen und systematisch auszusaugen gewußt hat. Während die polnischen Juden es immerfort für eine unverzeihliche Sünde halten, ihre Söhne einer christlichen Schule anzuvertrauen, während sie jeden Umgang mit denen ihrer Glaubensgenossen meiden, die das ihrer Meinung nach heilige polnische Kostüm mit dem allgemeinen europäischen vertauschen, sehen wir jetzt in Odessa im Richelieu'schen Lyceum, in allen dortigen männlichen und weiblichen Pensionen, die Lehrklassen eben so von der hebräischen wie von der christlichen Jugend angefüllt; erstere steht in der Lernbegier keineswegs mehr der letzter» nach. In den dortigen Gesellschaftskreisen trifft man nicht selten junge Juden, die eine merkwürdige Gediegenheit darthun; eine verhältnißmäßig gleiche Bildung nimmt man bei den jungen jüdischen Damen war; sie sprechen das Italienische mit nicht minderer Geläufigkeit und Reinheit der Accentuation, wie das Deutsche und Französische; in der Literatur dieser Völker und den schönen Künsten, vornämlich in der Musik sind sie keineswegs fremd. Unter andern Tugenden ziert die dortigen Juden auch der Wohlthätigkeitssinn für Arme. Roulirt in den städtischen Gesellschaftskreisen irgend eine dahin bezügliche Subscription, so fehlen darin gewiß nicht die Namen der vermögender» jüdischen Banquiers und Kaufleute. So steuerte noch vor kurzem der jüdische Kaufmann Jefrus 1009 Rubel zum Besten der ärmer» Uebersiedler aus der Provinz Kurland nach Cherson. Die jüdische Schule in Odessa ist für die untern Lehrklassen sehr gut organisirt, und erweist sich in dieser Beziehung sehr nützlich. Keineswegs dem Beispiel der übrigen Ausländer in Odessa nachahmend, suchen die dortigen Juden die Landessprache, die russische, mit beharrlichem Eifer gründlich zu erlernen. Mit Interesse lesen sie die klassischen Schriftsteller der Nation, und suchen ganz in den Geist ihrer Schriften zu dringen. Im vergangenen Sommer ward das neue jüdische Bethaus in Odessa vollendet. Während seines Baues kontribuirten die Gebildeteren und Vermögenderen des Volks jährlich 10,009 Rubel aus eigenen Mitteln. Den fremden Glaubensgenossen, die diesen Tempel jetzt besuchen, gewährt es ein Herz- und sinnerhebendes Vergnügen, die Stille, Ordnung und Ruhe während des Gottesdienstes anzüsehen. Das Aeußere desselben hat ein elegantes, gefälliges Ansehn, die Innern Räume sind geschmackvoll verziert, und, werden, was sonst bei den Juden nicht bemerkt wird, musterhaft rein erhalten. Beide Geschlechter sitzen in getrennten Abtheilungen. Im Gesänge, der kürzlich noch einem regellosen Geschrei glich, herrscht Harmonie der Stimmen, denn er wird von einem vorsingenden Kantor dirigirt. Früher fand von allem dem das Gegentheil statt, welches jedem Fremden gleich davon scheuchte. In einem kleinen, dumpfigen Bethause versammelte sich die Menge bunt durch einander, plärrte die Gebete im lärmendsten Tone ohne alle Ordnung her, keiner -verstand den andern. Man sah die unmanierlichsten Stellungen von den Betenden einnehmen, manche in liegender Stellung über die Bänke hingestreckt, andere essend oder schlafend. Dieses häßliche Bild des Kultus dem Höchsten geweiht, herrscht leider fortdauernd noch in den 18"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.