Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1842)
- Date
- 1842-04-30
- Page
- Seite 264 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Daß die Missionare, wie behauptet werde, sich mit der neuen Einrichtung freuen, sei nicht zu bewundern. Hätten doch die Rabbiner selbst die neue Synagoge zuerst „Kapelle," habe doch der Rabbiner Meldola die Reformisten „christliche Hebräer" öffentlich genannt, und nähre doch eben die „Vuice ok Jacob" die falschen Erwartungen eben dieser Missionare durch ihre parteiischen Berichte.- Vorläufig hat der Streit indeß Gutes bewirkt. Wie schon früher berichtet, hat die große Portugiesische Gemeinde unfern Landsmann, den vr. Löwe, um Abhaltung einer Predigt ersucht, die er unter außerordentlichem Zulauf und mit ausgezeichnetem Beifall gehalten hat. Wir machen hiebei insbesondere aufmerksam, daß, alles Uebrige abgerechnet, dieser Beifall der Engländer gegen einen Deutschen keine Kleinigkeit ist; denn Betonung, Vortrag, Einkleidung und Manier sind von der Deutschen himmelweit verschieden, und dabei kann fast jeder Engländer sehr gut öffentlich reden. Die Predigt, welche von den Parnassim, die in einem äußerst schmeichelhaften Schreiben die Erlaubniß dazu vom Verfasser erbeten hatten, zum Druck befördert ist, hat den Titel ■üT'i'fp nOD, hat 2 Kön. 23, 1—3 zum Text, und besteht aus 3 Abtheilungen, nämlich: i) Wie werden die Vorschriften des Bundes am besten gelehrt? (durch das fromme Beispiel hochstehender Personen.) 2) Was ist zur Erhaltung des Bundes der Tora erforderlich? (Zweckmäßige, allen verschiedenen Volksklaffen angemessene Belehrung.) 3) Was war die Frucht von Iosia's Verfahren? (die Vertilgung des Zerobeamitanischcn Götzendienstes und die Einsetzung des ächtesten Peßachfestes, das seit den republikanischen Zeiten gehalten worden war.) Der Styl dieser Predigt unterscheidet sich von den Deutschen durch ein strenges Halten an das Historische und Praktische, ohne alle Metaphysik und Battologie, dagegen auch ohne alles Streben nach Anregung des Gemüths: eine Manier, die dem jüdischen Prediger, dem nicht, wie dem christlichen in England, der stehende Hintergrund des „Fürsten der Welt," der nichts zu thun hat, als die armen Sterblichen in den stets offenen Höllenrachen zu jagen, zu Gebote steht, gar nicht leicht wird. Es fehlt übrigens nicht an Anspielungen auf die jetzigen Vorgänge und die darin mitspielenden Personen, was wol auch aus der Wahl des zweiten Peßachtages — des ersten von den Reformisten nicht mitgefeierten Festtages — hervorzuleuchten scheint. Wenn diese Synagoge sich vielleicht zwei Jahre früher zur Anstellung eines ordentlichen Predigers bcquemt hätte, so wäre vielleicht die ganze Trennung nicht erfolgt. Unter den mancherlei Schriften, die jetzt in London zur Vertheidigung des „mündlichen Gesetzes" erscheinen, befindet sich auch eine ebenfalls von Lowe verfaßte Uebersetzung eines Werkes (von A. M. 5474) von einem ehemaligen Londoner Dberchacham, David Nieto, betitelt phn p nwa (p, die Initialen des Verfassers). Die erste Lieferung enthält den Dialog I, welcher die Existenz eines mündlichen Gesetzes bei den alten Israeliten betrifft. Dialog II. wird beweisen, daß die alten Weisen ihre Erklärungen nicht aus der menschlichen Vernunft konnten geschöpft haben. Dialog HI, daß ihre Meinungsverschiedenheiten keinen Bezug auf die Gesetze, sondern blos auf die Art ihrer Vollziehung hatten, Dialog IV, daß sie mit allen Zweigen der Wissenschaften wol vertraut waren, und daß ihre Dialektik der der „Philosophen" vorzuziehen sei, und Dialog V. soll ihre astronomische Kenntniß in der Berechnung des Schalt-Jahres darthun, und zugleich mehrere schädliche Vorurtheile gegen die Juden widerlegen. Wir gestehen, daß uns der Zweck aller solcher Schriften völlig entgeht. Welcher vernünftige Mensch wird die Existenz einer fortlaufenden Interpretation, einer sanktionirten Praxis, eines zum Gesetz gewordenen Herkommens neben dem Gesetze bezweifeln? Kann doch kein Gesetz, und sei es heute promulgirt, morgen schon, ohne diese Stützen fortkommen? Aber beweisen, demonstriren, die Göttlichkeit dieser Traditionen?- Rußland. j Odessa, im März. (Aus dem Ausland.)") Wie alles in den neurussischen Provinzen seit kur- *) Wie schon früher, bemerken wir, daß die Redaktion, indem sie aus christlichen Blättern Artikel ausnimml, für die einzelnen Ausdrücke derselben nicht verantwortlich ist, da sie damit nur heranbringen will, was für uns Wichtiges auf anderen Gebieten über uns gegeben wird. Redakt.