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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-04-23 · Heft 17 (23.4.1842) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 17 (23.4.1842)
Date
1842-04-23
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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251 Gemeinde. Treue Übersetzung aus dem englischen Original. Hamburg, Berendsohn. 24 S. 8." ' 1 Seit mehreren Generationen pocht die moderne europäische Civilisation, dies geniale Kind des christianischgermanischen Faust mit der heidnisch-griechischen Helena, an die Thüren und Fenster der Eyklopenburg des Judenthums. Eine Pforte nach der andern, ein Fenster nach dem andern öffnet sich, aber es ist noch kein völliger Tag eingedrungen. In Deutschland, wo dieses Streben gerade in die Zeit der ausgreifendsten Schwankungen der allgemeinen Theologie und Philosophie fiel und wo die Gesetze keine Sektirerei dulden, beschränkten sich die Reformversuche auf Einführung von Predigten und auf die Verschönerung des Kultus, wobei mit Aengstlichkeit daran gehalten und mit mehrerem und minderem Glück bewiesen wird, man habe keine alte Autorität verletzt, wahrend die deutsche Wissenschaft des Judenthums nach Landessitte dem Grase nicht erlaubt zu wachsen, ohne daß sie-es deutlich höre und in Tabellen bringe. Nicht so in England, dem Lande der Entschiedenheit, wo neben dem Durst nach einer klaren lex scripta auch eine Anhänglichkeit an jedes Wort der.Bibel vorherrscht, wie sie in unserm Baterlande selbst bei den steifsten Orthodoxen vergebens gesucht wird. Die englischen jüdischen Reformer beginnen ihr Werk mit demjenigen Schritte, zu welchem Luther sich erst nach der Leipziger Disputation entschloß: sie sagen sich förmlich los von der Tradition oder dem mündlichen Gesetz. Mischna und Talmud erklären sie für achtungswürdige Kommentare, für ehrenwecthe Rathgeber, aber als Gesetzbücher und als Werke göttlicher Inspiration wollen sie sie nicht mehr anerkennen. Die vorliegende Einweihungspredigt ist ihr Manifest. Auf die Basis der zum Text benutzten Erzählung aus Josua 22, wo ein (Stämmen jenseits des Jordans erbaueter besonderer Altar bei näherer Verständigung nicht weiter für schismatisch erklärt wird, entwickelt sie die Gründe der unternommenen Neuerung, die namentlich in der Verlassenheit des alten Kultus und in dessen Unzweckmäßigkeit für europäisch erzogene Menschen beruhen, und giebt dann die Hauptzüge der neuen Stiftung an, die den Pentateuch als einziges religiöses Gesetzbuch anerkenne, wahrend das rabbinische System selbst bei sehr wichtigen Dingen z. B. dem Eherechte nicht einmal allgemeine Einheit herbeigeführt habe. Der auffallendste, bis jetzt'auf der neuen Bahn geschehene Schritt, ist die Reduktion der Feiertage auf die in der Bibel angegebene Zahl, wodurch jährlich sechs solcher Tage sakutarisirt sind. Wie weit sonst aber diese Reformisten mit ihren Abänderungen gehen werden, ist schwer abzusehen, da es ihnen doch nicht entgehen kann, daß Neue Speisegesetze und neue Sadbatsverbote sie den anderen Juden entfremden, und der übrigen Welt doch nicht assimiliren würden, auch überhaupt nicht an der Zeit sind. Ob mit dem nackten Bibelworr, ohne alle authentische Interpretation, zumal wo es Legislatur gilt, etwas Praktisches anzufangen ist? Wir zweifeln daran, wenn wir sehen, wie jede christliche, jede israelitische Meinung sich in ihrer Weise auf die Bibel beruft. Und neue Interpretationen durch Majoritätsbeschlüsse zu begründen, wie es dem Vernehmen nach die neue Kongregation thut, die sich dabei weder Dissenter noch Sekte nennen lassen will, das heißt weiter nichts, als der Nachwelt einen neuen Talmud aufbürden neben dem alten; — denn ein Werk, an dem über fünfzig Generationen gearbeitet haben, radirt sich einmal nicht aus dem Buche der Geschichte! Schon einmal, es sind etwa 800 Jahre, kurz nach dem Schlüsse der Redaktion des Talmuds ward ein ähnliches System unter den Juden ins Leben geführt, und es entstand die Sekte der Karaiten, die noch heute besteht, aber hinsichtlich der Legislatur noch weit schwerere Lasten tragt als die rabbinitische, und eben wie diese mit einer Masse von allmätich traditionell gewordenen Auslegungen, kasuistischen Gutachten und einer dickleibigen Liturgie belastet ist. Jnoeß in unserer Zeit und in England geht dergleichen leichter und besser als damals! Auch hat sich, wie gesagt, das neue System die Pforte zur beliebigen Benutzung der Arbeiten des. Rabbinismus offen gehalten, und deshalb dürften Einwürfe, wie der ihm in der Voice of Jacob neulich gemachte, daß ohne den Rabbinismus nicht einmal die Festkalenderberechnung ausführbar sei, nur in das Gebiet der Chikanen gehören. Allein das sollte doch dem englischen common-sense ein leuchten, daß eine lebendige Tradition, wenn nur hierarchische und politische Interessen ihrer beständigen Fortentwickelung nicht gewaltsam im Wege stehen, ungleich mehr perfektibel ist, als ein unvermitteltes uraltes Gesetz, über dessen Wortlaut in alle Ewigkeit nicht hinaus zu kommen wäre und dem man, wenn man alle Nebenautorrtat verwirft, selbst mit einer Art von Affektarion anhängen und in eine puritanische Sittenrauheit verfallen muß. Ob das neue System, so kühn in seinen Prinzipien und, wie dessen uns vorliegendes ganz hebräisches Gebetbuch zeigt, so nachgiebig in der Praxis, sich Bahn

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