Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-04-23 · Heft 17 (23.4.1842) · p. Seite 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 17 (23.4.1842)
Date
1842-04-23
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225245--04327-3313910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

245 lich festgestellt werden, daß die Kinder solcher gemischten Ehen jederzeit dem Christenthume angehören) mit der Zeit daS Judenthum mit der Wurzel auszurotten. Daß die Religion, wie Herr Orvius meint, solche Ehen verbiete, ist, strenge genommen, nicht wahr, kann auch nicht wahr sein, in so fern es zur Zeit der geoffenbarten Religion kein Christenthum gegeben; daß aber Ehen mit Andersgläubigen nicht verboten waren, hätte Herr Cervius aus Moses eignen Beispiele wissen sollen, der bekanntlich trotz dem Widerspruche seiner Geschwister die Tochter eines Midjanitischen Priesters zur Ehegattin gewählt. — „Volksbewußtsein!?" — Nun ja, der Jude hat allerdings einerseits dessen zu viel, und weiß andererseits auch zu sehr das eheliche Glück zu schätzen, um sich durch ein fortwährendes — Iudemauschel gekreisch dieses edle Bewußtsein kränken und sein Lebensglück trüben zu lassen *). *) Wir erlauben uns, im Vorbeigehen eine Anekdote mitzutheilen, die sich vor mehren Jahren in unserer Nahe zugetragen. Ein in früher Jugend zum Chrisienthume und in Militärdienste übergetretener Jude heirathete, nachdem er durch persönliche Tapferkeit und Geschicklichkeit es bis zum Offizier gebracht, eine Christin. Ec wurde späterhin Major, nahm den Abschied und lebte mit seiner Frau in kinderloser, aber glücklicher Ehe. — Mittlerweile alt geworden, eröffnete er eines Tages der Letztem seinen Willen, sein Testament zu machen. Ich war, sprach er, von jeher gewöhnt, mein Vermögen (dieses war nicht unbedeutend) als unser gemeinsames zu betrachten, und so will ich es auch nach meinem dereinstigen Tode. Du hast zwar keine Mitgift gebracht, gleichwol will ich, daß du Universalerbin seiest und nach deinem sel. Ende erst die Kinder deiner und meiner Geschwister zu gleichen Theilen und mit gleichen Rechten erben. — „Was!?" rief die Frau Majorin, „die Judenbalger -!" — Ich war, erzählt der treuherzige Kriegsmann (wir haben's aus seinem eignen- Munde), wie vom Blitze getroffen. Nachdem ich mich gefaßt, sing ich ruhig und gelassen an: Mein Kind, wir haben mehr als 25) Jahre nie anders als glücklich und zufrieden gelebt — fernerhin ist dies nicht möglich. — Dieses einzige Wort reißt mir die Binde von den Augen und ich werde nunmehr nie im Stande sein, einen Druck von deiner Hand zu empfangen, ohne daß dieses Wort mir wie kaltes Eis in's warme Herz siele. — Folge meinem Rath, wir wollen jedes Aufsehen vermeiden, die Halste meines Vermögens wird genügen, dich vor der Sorge des Alters zu bewahren, diese biete ich dir willig und Vergebens waren ihre Vorstellungen und Entschuldigun- Die Volksbildung ist in den Händen der Regierungen, das Volk hört auf, die Benennung Jude als einen Schimpf zu betrachten, sobald die Regierung aufhört, an dieselbe die Bedingung zu knüpfen, nach welcher Richter- und Lehrerstellen u. s. w. besetzt werden sollen. Ist es erst so weit gekommen, dann werden Ehen zwischen Juden und Christen nur etwa den Anstoß finden, der sich bei den Ehen zwischen Katholiken und Protestanten zeigt. 4) „Eine göttliche Fügung scheint sich 'hierin" (in dieser Stabilität) „zu offenbaren" (Gewiß!), „und keines Menschen Macht hat hiergegen etwas vermocht, noch wird es" (sic!) „vermögen." — Wie unendlich viel mehr Blut, als Bartholomäusnacht und Herzog Alba's Schwert vergossen, hat diese Ueberzeugung nicht schon seit Jahrtausenden gekostet, und mit wie viel weniger Abscheu als jene wurde dies in den Geschichtsbüchern verzeichnet! — Ja wol vermag keines Menschen Macht in die Speichen des unaufhaltsam rollenden Rades der Zeit einzugreifen, Wahrheit und Gerechtigkeit trägt sicherlich über starre Willkür den Sieg davon, und so werden ganz gewiß auch unsere Kinder, wenn auch wir noch nicht, ihre Menschenrechte erlangen und uns die unermüdeten Kämpfe, die wir für sie ausgestanden, wenn wir längst uns im Reiche der ewigen Wahrheit und vor dem Throne des Richters gen. Die Frau nahm das Geld, die Ehe wurde ^gerichtlich getrennt, der Mann heirathete zum zweitenmale eine ebenbürtige (um mit Herrn Cervius zu reden) getaufte Jüdin und lebt, irren wir nicht, noch mit derselben in glücklichem Alter. — Hier war denn nach einer Reihe von freilich mehr als 40 Jahren das heilige Taufwasser langst vertrocknet, und der alte biedere Mann, der vielleicht, als er 8 Tage alt war, zum letztenmale empfunden hatte, daß er Jude sei, hörte sich mit dem ominösen Namen eines Juden balg es begrüßt, von der Person begrüßt, auf deren Liebe und Treue, auf deren Dankbarkeit er so sicher rechnen zu dürfen geglaubt. — Man urtheile, was die gemischten Ehen zwischen Juden und Christen für Segen bringen würden! — Nein, unsere Ehen waren bisher Gottlob immer im Ruse der glücklichen und wahrhaft geheiligten, Ehescheidungen gehören bei uns, ohne daß irgend ein weltlicher oder kirchlicher Zaum hiebei nöthig wäre, zu den seltensten, fast unerhörten Ereignissen, und so soll eö auch ferner sein und bleiben. Anm. d. Corr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.