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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-04-16 · Heft 16 (16.4.1842) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 16 (16.4.1842)
Date
1842-04-16
Page
Seite 8 (sequence 24)
Language
German
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8 Beweis vvn der Freisinnigkeit mancher Talmudisten in dieser Hinsicht ablegt. Aber staunen mußten wir gar, daß Herr E. auch die Meinung zu der seinigen macht, es sei dem Israeliten unter bezeichneten Umständen (unter welchen denn?) nicht erlaubt, seine rituellen Gebete in einer andern als der hebräischen Sprache zu verrichten! Weiß es derselbe nicht recht gut, daß nach Uebereinstimmung aller rabbinischen Gewährsmänner, vom Verfasser der Mischna bis zu dem Baal Magen Abraham herunter, das Beten in der Sprache welche man versteht, unter allen Umständen, nicht nur erlaubt, sondern vorzuziehen sei? Wir müssen bei dem Gegenstände etwas langer verweilen, damit das Volk, seine Lehrer aller Farben wissen es wol, — Kunde bekomme, wie seine älteren Religionslehrer über diese wichtige Angelegenheit gedacht und bestimmt haben. Im Traktat Sota, Abschn. VII., Mischna I., werden die heiligen Formeln aufgeführt, welche in jeder Sprache gesprochen werden können. Die uns noch obliegenden sind: 1) das Schema, 2) die sogenannte Tesilla ("7 rDMi*! bto) und 3) das Tischgebet. In der Gemara (ib. fol. 32, b. 33, a.) werden diese Punkte näher erwogen. Das Schema betreffend, wird der Schriftvers (5. B. M. 6, 4.) zum Beweise angeführt: „Höre, Israel, der Herr unser Gott, ist ein einziger Gott/' das Hören, Verstehen, ist also die Hauptsache, und der Talmud erklärt hier den Ausdruck VW ganz richtig, der in dieser Stelle' nicht sowol das Hören durch die Sinne, als das Vernehmen in der Seele bedeuten will, und dieses kann nur in der Sprache geschehen, welche man versteht bii 27aiü) (27aiü NriNw yrab. Noch schöner wird über die Tesilla gesprochen. Diese, das Lob und die Bitte von Gott, sei eine Sache des Herzens (n*M i?ani); wie es Einem das Herz eingiebt, mag man beten 72). Raschi erklärt dieses noch näher durch die Worte: „Daß die Tesilla in jeder Sprache abgehalten werden dürfe, bedarf keines Beweises aus der Schrift, da sie eine Herzenssache ist, und in der Sprache, in welcher man von Herzen beten kann (lib yDVm) , mag man beten." Ueber das Tischgebet wird wieder ein beweisender Schriftvers angeführt, denn es heißt (5. B. M. 8.10.): Und wenn du wirst gegessen haben und gesättigt sein, so sollst du dem Herrn deinem Gotte danken rs. Das Danken ist also die Hauptsache, es kann in jeder Sprache geschehen (*pi?a mhntü yrab bii , Die Tosephot bemerken zu dieser Stelle (ihi Hb): „Wol sollst du danken in der Sprache, welche du verstehest, damit du das Lob Gottes von ganzem Herzen spendest, zu seinem Wohlgefallen," worauf die Stelle aus dem Jerusalemischen Talmud allegirt wird, wo für den des Hebräischen Unkundigen die profane Sprache anempfohlen wird, damit er wisse, wem er danke 2TP arpiü “HD) (<fcpi?a ^ab. Es ist natürlich, daß mit diesen liberalen Ansichten, welche der Talmud'als unumstößliche Norm aufstellt, auch die späteren Rabbinnen übereinstimmen, und Einer der letzten, der obenerwähnte Verfasser des Magen Abraham, ein polnischer Rabbi, führt (Orach chajim 101, 5.) die Stelle an, daß es besser sei, in der Sprache zu beten, welche man versteht, wenn man die heilige Sprache nicht versteht taa •pttbn bbönnb nüuan) (p'hb 4) Ja, der Talmud erlaubt ganz vorzüglich für die öffentliche Andacht Oman) das Beten in andern Sprachen als die Hebräische, und es wurde schon zu seiner Zeit von dieser Erlaubniß Gebrauch gemacht. Deßhalb finden wir Gebete in der damaligen Landessprache, der chaldäischen oder aramäischen, abgefaßt, so die beiden Jekum Purkan, welche aus keinem andern Grunde chaldäisch verfaßt sein können, als um ihr Verständniß der Gemeinde zugänglich zu machen. Aus demselbenWrunde wurde auch die sogenannte Keduscha desidra (ynaf? rvamp) mit erklärenden Zusätzen für das Volk chaldäisch vorgetragen. Ja, sogar das so hochgestellte Kaddisch, welches, wie aus der Formel bnaM i7a*a am “pii» (Berachot 21. b. 3. a. statt unseres M?an am am) hervorgeht, ursprünglich hebräisch verfaßt war, wurde spater zum Verständnisse des gemeinen Mannes chaldäisch gesprochen, und dennoch drückt sich der Talmudist Raba (Sota 49. a.) über jene Keduscha und dieses Kaddisch aus, daß durch sie die Welt bestehe, d. h. die Religion erhalten werde, und wir glauben, nicht obwol, sondern gerade weil sie in der Landessprache vorgetragen wurden und dadurch das religiöse Gefühl des von ihnen angeregten Volkes befestigten. So sprachen sich auch hierüber (Berachot 3. 3. ‘pw Hb) die Tosepbot aus: „Man pflegte nach der Predigt das Kaddisch zu beten, und da gewöhnlich gemeine Leute zugegen waren, welche die heil. Sprache nicht verstanden, so setzte man es in der Targum- (die chaldaische) Sprache, damit es Alle verständen, denn dieses war ihre Sprache*). Bedarf es noch weiterer Beweise, um eine Sache darzuthun, welche der Talmud als sich von selbst verstehend betrachtet, und wonach alle unsere Gebete in deutscher Sprache vorgetragen werden dürften, ja bei der immer seltener werdenden Kenntniß des 4) Vergl. ferner. Orach chajim 284. M. A. 6. 5) Man glaube übrigens nicht, daß etwa der chaldäischen Sprache deshalb ein Vorzug statuirt sei, weil sie in ihrem Ursprünge und Baue mit der hebräischen Ähnlichkeit hat; im Gegentheile wird gerade von dieser Sprache verächtlich gesprochen und das Beten in anderen Idiomen ihr vorgezogen (vergl. Talmud Trakt. Sabbat. 12, b. Sota 33, a. Orach chajim 101, 4 Ture Sahab. Npn 17a 18 772 MT pöbE) maröb mn-ü Nbi irrr« Maia-a. — Eigen ist es freilich, daß die chaldäischen Versionen auch später, wo sie dem Volke noch unverständlicher wurden, als das Hebräische, immer noch in dem Siddur beibehalten wurden; und noch eigener ist es, wenn wir Orach chajim 145, 1. 3. von der schönen Einrichtung des Uebersetzens beim Vorlesen aus der Thora lesen: „In den Zeiten der talmudischen Weisen pflegte man zu übersetzen rc.), jetzt aber pflegt man nicht mehr zu übersetzen, denn was hilft der Targum (die chaldaische Übersetzung), da sie es doch nicht verstehen/' Als wenn der ursprüngliche Zweck ÜiN irartt *»%, damit baß Volk es verstehe, in keiner andern Sprache bezweckt werden könne! Und so ließ man eine Einrichtung, welche so alt ist wie unser Gottesdienst und deren Ursprung bis zu Esra's Tagen hinauf datirt, (Megilla 3. a. Maimon. Hilchot Tesilla 12, 9. ohne Grund auf immer zu Grunde gehen.

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