Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1842)
- Date
- 1842-04-16
- Page
- Seite 238 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Freuden aufnimmt, wenn sie stur gegen uns lendiren. Jndeß, da sei Gott vor, daß wir als Verächter von Kunst und Wissenschaft „auf ewig dem Teufel verfielen:" wir wissen, daß selbst kein Luther ohne den Melanchthon möglich war: aber ihre Stellung in der Jetztzeit darf diese Wissenschaft nicht verkennen: erst thun, und dann rtgistriren; erst retten und dann peroriren; das Volk braucht Brod, geistiges Brod, und ihr gebt ihm Papier! Nein wahrlich! dev Tempel hat nicht (pag. 70) bloß „zufällig und instinktmäßig" gehandelt und gewählt, er hat nicht (pag, 79) „weil er den Gegenstand gar nicht weiter überdachte" die Hallel-Benediktion, die sie ja so geistreich vertheidigt haben, beibehalten, denn sie ward in der Praxis schon 1820 beseitigt; er hat nicht erst (pag. 76) „aus der Literatur erfahren," daß die Formel scheotecha lebaddecha ächter sei als die Formel hammachasir, denn Herr vr. Zunz kann, was der hier Redende hiermit thut, ausdrücklich bezeugen, daß unser Bresselau den Wunsch nach dieser Substituirung lange vor der Erscheinung der „gottesdienstlichen Vorträge" hegte, und eben so den nach Ausscheidung der sogenannten Morgen-Keduscha von dem ersten -tamid maassöh bereschit bis zum zweiten vor Or chadasch, was jedoch aus überwiegenden Gründen nur beim Alltagsgebet ausgeführt ward. Der Tempel hat Alles mit dem vollsten Bewußtsein gethan. Und daß wir uns längst wieder angeschlossen hätten, wenn die Synagoge wesentlich fortgeschritten, wenn ihr Leiter dem Zeitgeist gehuldigt hätte, das wollen wir gar nicht für unmöglich erklären; obgleich wir dies Ziel jetzt keinesweges so nah glauben können, als vor 20 Jahren, da wir dessen Anstellung beförderten und begrüßten. Wäre die Sache dahin, daß Prediger und Chacham abwechselnd in den respektiven Lokalen predigten, so würden wohl die Meisten mit diesem Zustand völlig beruhigt sein. Aber aucks vor der Welt dürfen wir Progressisten alle nicht als etwas anderes dastehen, denn als Juden ohne Nebenbestimmung: vor unseren Brüdern, die wir heiß lieben, nicht, und noch weniger gegenüber den Christen.- I —* Eine von uns gebilligte etwanige politische Bevorzugung der progressiven Richtung wäre eine Verdammung unserer Väter in ihren Gräbern und eine Rechtfertigung ihrer Bedrücker. Sie wäre der moralische Tod für unsere Anstalt und des fortgeschrittenen Judenthums überhaupt, und alle Jmmortellenkränze der Wissenschaft hätten sie nicht wieder aufrichten können. „Darüber sind wir hinaus, daß von äußeren Verschönerungen das Heil des Judenthums abhängig sei" (pag. 82.) Mit diesem sehr wahren Satze, Herr Rabbiner, stehen Sie ganz allein — neben dem Tempel; denn außer ihm ist noch nirgend selbst nur ein Versuch gemacht, auch das Innere des Gottesdienstes zu regeneriren. Das übrige religiöse Leben kann sich nur später gestalten und wird sich auch, besonders wenn die anderen Herren Reformatoren nicht völlig auf den Trophäen des dreistimmigen Gesangs und einiger abgedankter Piutim ausruhen, vermittelst des Geistes, der der aufgeklärten Predigt und dem volksthümlich erbauenden Kultus entfließt, aus dem Leben selbst mit Hülfe der Wissenschaft harmönisch ausbilden, so daß selbst Sie vielleicht noch von der Last befreit werden dürsten, Ihr ganzes Leben der „schuldigen Rücksicht auf die schwachen Gemüther" zu opfern. Erlauben Sie nun noch eine Bemerkung, die den Schreiber persönlich betrifft. Sie haben mir pag. 70, „fanatische Bornirtheit" vorgeworfen, und - ich gebe zu, daß mein Fanatismus bornirt ist. Er bornirt sich auf die möglichste Bekämpfung alles Glaubenszwangs, er werde von rechts nach links oder von links nach rechts geübt. Zu jener Zeit hatte ich das Glück, meine schwachen Kräfte nacheinander und so viel an mir lag, gegen Preßburger, gegen Sächsische undgegen Damastener Intoleranz anwenden zu können, und in den gegenwärtigen Konflikten hier und in London habe ich ebenfalls für die verfolgte Seite Partei ergriffen. Ich will mich dieser Pflichterfüllung nicht weiter rühmen, sondern blos Ihnen erklären: dies erkenne ich für meinen Beruf und werde ihm treu bleiben. Verachte ihn, wer kann und mag! Ich schließe, denn ich glaube Ihnen auf alles das geantwortet zu haben, was in meinem Laien — Ressort liegt. Auf das Uebrige wird von ande-