Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1842)
- Date
- 1842-04-16
- Page
- Seite 236 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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236 den nebst einigen anderen Stellen mit kleinerer Schrift gedruckt und in der Uebersetzung weggelassen, ganz so wie man es auch früher in den deutschen und polnischen Siddurim mit dem was zu einem fremden Minhag gehört (z. B. im Wajittön lech») gemacht hat; der Gerichtstag am Neujahr durfte nicht völlig unerwähnt bleiben, und die Dauer des ganzen Gottesdienstes — am Sabbat etwa IJ Stunden ohne die Predigt, mußte mit dem in der Synagoge ungefähr gleich erhalten werden, weil eine allzugroße Kürze in den Augen der meisten Jetztlebenden nicht würdevoll genug erschienen wäre. Daß jedoch in der neuen Auflage durch die Simra, welche bisher blos am Sühntage vollständig erschien, der Dienst am Sabbat ungebührlich verlängert werde, ist ein Jrrthum, da wir jedesmal nur Bor - und Nach-Beracha und der Reihe nach 1 oder 2 Psalmen lesen. Ist es denn nun wirklich so wenig was der Tempel für die nivellirende Tendenz geleistet hat? Er hätte mit dem Aufräumen noch schonungsloser durchgreifen können — zugegeben: aber ist denn z. B. die totale Abschaffung der 4 Paraschot und des Hosanna rabba nebst allen daran geknüpften kabbalistischen Praktiken gar nichts? Ist die Wegschaffung alles abergläubischen und däinonologischen Wustes — ich nehme bloß die Zahl der Aliot aus — gar nichts? Und diese Punkte, wegen welcher uns noch Niemand angefochten hat: wer ist uns darin gefolgt? Und von wem hat Israel denn Orgel, Chorgesänge, ja öffentliche deutsche Gebete überhaupt erhalten, als vom Tempel, der doch wol eine so „unschuldige Anstalt" nicht sein kann, weil, wie gesagt, selbst von denen, die ihn für nicht weit genug fortgeschritten erklären, noch keiner den Muth gehabt hat, ihm nachzufliegen? Von ihm haben geständlich Wien und Kopenhagen gelernt, von Wien geständlich selbst das überschwängliche Dresden. Ist das alles Nichts? Und das Alles wollt ihr euren philologischen, kritischen und biographischen Leistungen, die doch so oft nur ein modernes Feiertagseibehandeln, gar unterordnen? O geht, entschuldigt euch mit den Umständen, mit eurer geringen Autorität — aber gebet Ehre dem Ehre gebührt. Glaubet indessen nicht, wir wollten mit böotischcm Terrorismus der Wissenschaft ihren erhabenen Einfluß schmälern. Unsere Reformen über den öffentlichen Gottesdienst hin auszudehnen, das wäre von unserer Seite leere Donquixoterie: aber den Boden bieten wir dar für alle solche Unternehmungen, und diese zu zeitigen, dürfte allerdings jetzt die Ausgabe der beamteten Theologen sein. Kommet uns nur entgegen mit dem Lichte der Wissenschaft, ihr sollet gelehrige Schüler und treue Genossen an uns finden, wenn ihr uns nur nicht anmuthet, mit der Masse der Nation definitiv zu brechen. Und ferner: haben die Tempelprediger wirklich nichts als Maggidim-Arbeit gethan? Der Abfasser dieser Zeilen gesteht, daß es vorzüglich dieser Punkt ist, der ihn hierzu bewog, da diese Männer ihre Verdienste ja nicht selbst herzählen konnten. Zwar ist diese Maggidim-Arbeit, wie Sie sie betiteln, zumal unter den bewandten Umständen, gar nichts Unwichtiges. Auch die Apostel waren Maggidim, auch die ersten Begründer der Reformation nannten ihr Werk bloß: die Predigt. Und die unsrigen haben allerdings auch ein Evangelium verkündigt: die in Vergessenheit gerathene gute Botschaft, daß das Judenthum noch etwas mehr sei als das Abzählen von so und so viel Berachot und Mizwoot, daß es sich dem weiten Kreise des Staats und der Humanität anschließe, daß der Jude nicht bestimmt sei, sein Menschenrecht als Gnade zu erbetteln, daß er sich nicht in der Knechtschaft gefallen, sondern sein Angesicht frei erheben und seinen Namen ohne Umschreibung nennen soll, daß der alte Bund seine Mission auch unter veränderter Gestalt ewig fortsetze — dies alles verkündigte sie mit Erfolg, und die neue Belebung des Selbstgefühls der Juden und der selbstbewußte edle Stolz auf den Inhalt unserer Lehre ging von ihnen aus. Allein auch abgesehen von allen diesen Thaten vindiciren wir ihnen noch insbesondere eine Reihe spezieller Verdienste. Sie haben nicht allein gepredigt, sondern die jüdische homiletische Kunst begründet. Alle späteren Prediger, alle predigenden Rabbinen haben an ihnen Muster genommen, und selbst die noch heute ziemlich brach liegende homiletische Kritik, deren erstes Organ das Philippson'sche Magazin war, hat zuerst an ihnen einen Gegenstand gefunden.