Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-04-09 · Heft 15 (9.4.1842) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 15 (9.4.1842)
Date
1842-04-09
Page
Seite 3 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225243--04293-3313874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3 Herr Lippschütz polizeilich mitten im Winter ausgewiesen wurde, mit welcher Keckheit wagen Sie denn dieses zu schreiben? Haben Sie vergessen, daß auch Herr Lippschütz vielleicht Ihre Worte zu lesen bekommt. Lesen Sie die Akten Ihrer Gemeinde, lesen Sie, und Sie werden mir eingestehen, daß ich auch hier den Schleier, zu einem höhern Zweck, nur gelüftet habe. Daß Sie mich bis heute hier ließen, bis heute Dessauer Lust einzuathmen mir vergönnten, habe ich Ihnen wirklich zu danken, besonders da es Jedem in unserer Gemeinde wol bekannt ist, daß nicht nur mehrere Gemeindemitglieder auf meine polizeiliche Ausweisung bei Ihnen und bei einer hohen Negierung eingekommen waren, sondern daß auch gerade über diesen Punkt eine heftige Debatte zwischen Ihnen beiden, in Ihrer Erwiderung Unterzeichneten Herren Aeltesten stattfand, indem einer von Ihnen wirklich meine polizeiliche Ausweisung bewirkt wissen wollte, der andere aber großmüthig gegen mich handelte und mir, wie gesagt, Dessauec Luft gönnte. Ich erhielt von Ihnen allerdings ein Geschenk von Hundert und fünfzig Thalrr, aber meine Herren, vergessen Sie ja nicht, daß die Umstande derart waren, daß dieses Geschenk eher empören, als zum Dank verpflichten mußte; vergessen Sie ja nicht, daß ich Ihnen am allerwenigsten es zu danken habe, daß die Folge meines Dessauer Nabbinats mich nicht für ein ganzes Leben unglücklich machen konnten. Sehen Sie, meine Herren, das Alles würde ich weitläufig behandeln, wenn es sich um mich hier handelte. Allein um mich handelt cs sich wahrlich nicht. Nur Ihr böses Gewissen hat Sie verrathen, sonst würden Sie meinen Angriff ganz anders aufgefaßt haben. Ja, ich bin nicht der „muthm aßlich e," wie Sie sich ausdrücken, sondern der wirkliche Verfasser jenes Artikels in Nr. 9 d. Ztg., wie Ihnen die Redaktion, von mir im voraus dazu autorisirt, ja angegeben hat. Nun lesen Sie einmal jenen Artikel bei ruhigem Blut, so sind zwar noch ärgere Angriffe auf Ihre Amtsverwaltung darin enthalten, als Sie darin fanden, aber zu meinen Gunsten stehet kein Wort darin. Ich habe mich absichtlich in ein höchst zweideutiges Licht hingestellt. Ich habe wol gesagt, daß Sie mich einen Lügner offiziell nannten, nicht aber, daß Sie dazu kein Liecht hatten; ich habe wohl den Schluß jenes Briefes, nicht aber seinen ganzen Inhalt, noch weniger den Inhalt des 13Tage vorher geschriebenen Briefes mitgetheilt, warum? Sie ersparen mir fast die Antwort. Sie schließen JhreReplike mit dem glänzendsten Zeugnisse für mich. Sie deuten daraus hin, daß ich ohneN8-nn 'nnii nach Dessau kam; ein Beweis, daß ich nicht daran dachte, in Dessau Rabbiner zu werden; ferner daß Sie mir dieselbe verschafften; Sie wollen damit das Faktum gesagt haben, daß ich es der Gemeinde freistellte, bei welchem wissenschaftlich gebildeten Rabbinen sie mich prüfen lassen wollte und daß sie mich zu dem mir damals persönlich völlig fremden Herrn Dr. Holdheim schickte, endlich, daß ich von der Leipziger Fakultät das vi-.-Diplom erhielt; indeß das geschah erst nach meiner Absetzung, auf das Anrarhen meiner Wohlthater, deren Herz Gott gelenkt hat, daß sie mich, als in Dessau Alles auf meine Erdrückung sann, so unterstützen, daß ich meinen Lebensberuf nicht aufzugeben genöthigt ward, das geschah erst, nachdem ich von jenen in den Stand gesetzt war, der Fakultät das bereits in diesen Blattern besprochene erste Heft meiner Religionsphilosophie zur Prüfung vorzulegen. Worum handelt es sich denn? Daß Sie das am Schlüsse Ihrer mit so vornehmem Ton Gesagte auch wahr machen, daß Sie die Erfahrungen, die Sie mir verdanken, auch wirklich benutzen, daß Sie sich nicht Amtshandlungen anmaßen, deren Bedeutung Sie vielleicht nicht einmal kennen, sondern Ihre Aufgabe darein setzen, das Dessauer Rabbinat anderweitig zu besetzen. Nur um diesen Preis werde ich schweigen, um keinen andern. Sobald ein wissenschaftlich gebildeter Geistlicher an der Spitze der Gemeinde stehet, so wird Gott ihm Kraft geben, und er wird Alles heilen und es wird nicht nöthig sein, die Schäden, die im Finstern schlichen, an das Licht des Tages zu ziehen. Was haben Sie seit einem Jahre gethan, um den 300 Familien des Dcssauer Landes einen würdigen Oberhirten zu geben? das sagen Sie, und Sie mögen über mich, nach Ihrer Gewohnheit eine böse oder auch eine gute Meinung in der Welt zu verbreiten suchen — ich werde dieses, wie alles Erlebte geduldig ertragen. Die Gemeinde Dessau's ist nicht besser und nicht schlechter als bei dem zerrissenen Zustand der heutigen Gemeinden, die Mehrzahl ist, aber sie war 1820 die erste in Deutschland, wem hat sie es zu verdanken, daß sie dieses nicht mehr ist? Wem hat sie es zu verdanken, daß Männer, wie Wolf und Dr. Salomon nicht mehr in Dessau zu finden sind? Wem anders als den Dessauer Aeltesten l Sie kennen Ihre Macht über die Gemüther gar wot, trotz dem daß Sie sich so höchst bescheiden, bei ffo wichtigen Angelegenheiten, nur eine vereinzelte Stimme zuschreiben; Sie wissen, daß die Gemeinde von jeher gewohnt ist, den Aeltesten die Leitung dieser Angelegenheiten zu überlassen. Sie würden sich nicht so viel erlauben, noch erlaubt haben, wenn Sie das nicht wüßten — wozu haben Sie diese Macht bis jetzt angewendet? Blicken Sie doch um sich. Ich will, obgleich dieses nicht das Wichtigste, doch das Handgreiflichste ist, nur Sie aufJhre bürgerliche Stellung einen Blick werfen lassen. Was haben Sie gethan, um Ihren armem Brüdern die Erlernung eines Handwerks auch nur möglich zu machen? Was haben Sie gethan, um dem Juden das Recht zu verschaffen, ein Handwerk mit Gesellen betreiben zu oürfen? Daß sie es nur als Freimeister betreiben dürfen, haben sie nicht einmal Ihnen, sondern dem längst aus Ihrer Mitte geschiedenen Dr. Salomon zu verdanken. Sie schützen die Armuth der Gemeinde vor, wo es gilt, das Bessere zu hinterlreiben, hier halten Sie wirken können, Armuth zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.