Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1842)
- Date
- 1842-04-09
- Page
- Seite 223 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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223 läßt einen der schönsten Momente für ihre vielleicht nützlichste Wirksamkeit unbenutzt. Das sogenannte Unterführen, das anderwärts als stehende Glückwunschformel bei freudigen Verhältnissen zwischen Kindern und Eltern gebraucht und von letzteren als das theuerste Erlebniß in Bezug auf ihre Kinder betrachtet und angcstrebt wird,' ist hierorts als sogenannte Mitzwa nicht so hoch in Ehren gehalten. Hingegen wird hier noch nach guter alter Sitte das unschuldige Glas in tausend Stücken zertrümmert, d. h. der Rabbiner wirst das Glas auf das ihm zu Füßen stehende Waschbecken, wie einst der Sündenbock von der Höhe in die Tiefe hinabgestürzt wurde. Ist nun die eheliche Einsegnung vorüber, so wird nach den üblichen gegenseitigen Gratulationen der Verwandten und Anwesenden die Braut in ein anstoßendes Zimmer geleitet, allwo hochgeputzte Hochzeitsfrauen sitzen und für die Braut ein erhöhter thronartiger Sitz angebracht ist. Da sitzt nun die Tochter Israels guckend und beguckt, wundernd und bewundert, sie gleicht einer Theaterkönigin, welche mit schauspielerischem Anstande auf die sie umgebenden Edelfrauen herunterblickt und schon manche verglich ich mit einem Storche, welcher auf dem höchsten Schlot des Drtes sitzt und mit wenig Beobachtungsgeist verrathender Miene in das bunte Treiben der Ortsbewohner hineinblickt. Befriedigte Eitelkeit ist das .vorherrschende Gefühl, das man in Augen und Mienen lesen kann. Nach gesättigter Beguckung und Beschauung werden einige Erfrischungen herumgereicht und das gewöhnlich den Anwesenden verabreichte Gefrorne (sm-betto) kann wol den ganzen Hergang der Trauung symbolisiren. Sodann unterhält man sich, schwatzt und plaudert noch ein wenig, man empfiehlt sich und die Hochzeit ist zu Ende. Von einer Mahlzeit nach israelitisch deutscher Art ist hier höchst selten und Hwar nur für die allernächsten Verwandten die Rede. Aus dieser kurzen Beschreibung kann man entnehmen, wie stereotyp hierorts —. und nach eingezognen glaubwürdigen Erkundigungen kann ich sagen Hierlands — die Hochzeiten gefeiert werden. Weiland, sagt man mir, seien dieselben in einem andern Style abgehalten worden. Keiner wird wol dem frühem Aufwande und dem frühern bei Hochzeiten üblichen Getöse das Wort reden; wenn man aber bei einer so heiligen und wichtigen Ceremonie die Abwesenheit aller schönen und erhebenden Gefühle, die doch in ihrem letzten Ende aus dem religiösen fließen und in dasselbe münden, bemerkt, so dringt sich einem die Ueberzcugung auf, daß in den jüdischen Kreisen der kalte und berechnende Verstand immer mehr und mehr die Oberhand gewinnt, dessen Alleinherrschaft bei sortspinnender Konsequenz zu bedenklichen Folgen führen muß. Rußland und Polen. Warschau, 14. März. Ende 1840 zählte Warschau Einwohner: 67,721 männlichen und 71,871 weiblichen, zusammen 139,492, d. h. 3488 mehr als 1839. Unter dieser Bevölkerung befanden sich 17,842 männliche und 19,187 weibliche, zusammen 37,039 israelitische Einwohner. 1829 bestand die Bevölkerung Warschaus aus 139,204 Seelen, Ende 1840 also aus 387 Köpfen mehr, und so ist nun endlich der durch die unglückselige Revolution bei der Bevölkerung entstandene Ausfall gedeckt. Aber gegen 1829 zählt sie 123 Christen weniger und 508 Juden mehr. Berichte über den Stand des Kultus. Aus Mittelfranken, 14 Marz. (Pcivatmitth.) In unserm Kreise zeigt sich ein sehr reges Leben in Bezug auf Reparatur der alten und Erbauung von neuen Synagogen. In ganz kurzer Zeit wird man selbst in der kleinsten Gemeinde von Mittelfranken kein Gotteshaus mehr äntceffen, das nicht auf eine würdige Weise, seinem heiligen Zwecke entsprechend, im Innern ausgestattet ist. Den Jnpuls dazu hat nun jedesfalls, aller ihrer Mängel und Inkonsequenzen ungeachtet, die „Synagogenordnung für Mittelfranken" gegeben, die auch einen bessern Gesang in die meisten Synagogen eingeführt und dem äußern Theile des Gottesdienstes, wenn ich so sagen darf, mehr Würde gegeben hat. Ja sogar in den Synagogen der, dem Fortschritte nicht huldigenden Rabbinen findet Choralgesang allmälig Eingang. Sogar in Schwabach, dem Sitze unseres Stangenhalters, wie unsere Alten den dortigen Rabbinen Wechsler heißen, ist jetzt ein Chor errichtet, und am vergangenen Purimfeste hat man dort, wie man mir berichtet, die Stelle