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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-04-09 · Heft 15 (9.4.1842) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 15 (9.4.1842)
Date
1842-04-09
Page
Seite 222 (sequence 14)
Language
German
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222 meinde emporblühe wie unter Herrn Moses Hirschel's Präsidium und mit Stolz sich den ersten Gemeinden Ungarns anreihe. — . . . n. Italien. Verona, 16. Marz. (Privatmitth.) Die Allg. Zeit, des Zudenth., die sich des ganzen Inhalts des israelitischen Lebens, wie es sich in den verschiedenen Ländern verschieden gestaltet, zu bemächtigen strebt, wird wol ihre Spalten einer Besprechung italienischer Hochzeiten öffnen, welche sür manche Leser und Leserin nicht ohne Interesse, im Allgemeinen zur Beurtheilung hiesiger Zustände nicht ohne Bedeutung sein möchte. Schon, oft hatte ich Gelegenheit Trauungen in hiesigem Orte beizuwohnen. Ich ging immer mit dem Vorsatze zu denselben, meine ganze Beobachtungsgabe zusammcnzunehmen, damit mir bei diesem wichtigen, das menschliche Leben gleichsam in zwei große Hälften theilendcn Akte nichts entgehe. Ich suchte mir alle bei dieser Cercmonie in Deutschland gemachte Bemerkungen und erhaltene Eindrücke zu vergegenwärtigen, denn der Moment des Eintretens in die Ehe ist die erhabenste und wirklichste Wirklichkeit und darum am geeignetsten, Gefühle, Sitten und Lebensansichten der Menschen zu beobachten und kennen zu lernen. Ich, der ich mir deutsche Lebensweise und deutsche Gemüthlichkeit unter den Gesichtspunkten meiner väterlichen Religion zu erhalten bemüht bin, gestehe, daß ich hierorts immer mit verdrießlichem Herzen ohne irgend eine höhere Empfindung von der Trauungsceremonie wegging. Gewohnt in diesem erhabenen Augenblicke die Entfaltung einer tiefen und reichen Gemüthlichkeit zu erblicken, gerührt zu sein durch die Rührung Anderer fühlte ich meine Gefühle erstarren durch die Kälte Anderer selbst der nächsten Verwandten und derjenigen, die einer verhängnißvollen Zukunft entgegengehen. Da sieht man keine Braut in Thränen schwimmen, keinen Bräutigam mit gesenktem Haupte die Wichtigkeit des Augenblickes überdenken, keine Mutter sich gleichsam die ganze Last der Vergangenheit vom Herzen weinen, keinen Vater die Herzensstöße väterlicher Rührung männlich Niederkämpfen, keinen Bruder freudig entzückt, keine Schwester in süßer Wehmuth das Loos der auswandernden überdenken, keine Verwandten vergnüglich gerührt, keine Zuschauer Glück und Theilnahme mit empfinden, sondern geputzt und geglättet gehen Braut und Bräutigam im gemessnen Schritte, gleich zugerittenen Paradepferden zum Traualtäre; keine innere Seelenbewegung spiegelt sich im Auge, Gang, Haltung und Bewegung, und das ganze Zuschauerkorps ist in ein inhaltsloses, nichtssagendes, affenartiges Gaffen versunken. Man kann sich kaum des Unmuths erwehren, wenn man sieht, wie man hierorts in israelitischen Kreisen sich bestrebt, jeder Lebenspoesie baar zu werden, wie die erhabensten und erhebendsten Lebensmomente in die gemeinste Prosa des Alltaglebens übersetzt werden. Der berechnende Verstand mag sich möglichst fürsorgenb der Zukunft zu bemächtigen suchen, die jeweilige Gegenwart muß Gefühl und Empfindung ausfüllen. Ich finde aber den Grund dieser kalten, wehethuenden Ungemüthlichkeit nicht nur in der hohlen, der prunkenden Acußerlichkeit zugewcndeten italienischen Lebensweise, sondern auch in der religiösen Auffassung und Handhabung des Trauungsaktes. Während in 'Deutschland und anderwärts am Morgen des Hochzeittages der Bräutigam, begleitet von nahen Verwandten und Hochzcitsgästen in die Synagoge zu gehen pflegt, somit dessen erste Gedanken und Gefühle so zu sagen von der Religion in Beschlag genommen werden, ist hierorts diese Cercmonie-auf den Tag oder den Sabbat nach der Hochzeit verschoben; die Religion hält also Nachlese, wo sie ernten könnte. Die Trauung wurde in Deutschland in früherer Zeit unter Gottes freiem Himmel vorgenommen; hierin lag etwas erhebendes, etwas poetisches; die neue Zeit hat dieselbe, wie billig, in den Tempel verwiesen; in keinem Falle aber wurde diese ohne dringende Ursache in den profanen vier Wänden des Wohnzimmers abgehalten, hier wird aber die Trauung in dem Wohnkasten des Alltaglebens vorgenommen, und die Anwesenden sind kalt, steif und alltäglich wie die Wände. Die in Deutschland übliche Melodie bei der ehelichen Einsegnung ist, wenn gut vorgetragen, einfach, erhaben, gefühlerregend und nicht ohne religiöse Salbung; die hierorts übliche, ein lachenerregender Schnörkelgesang, würdig der bei Hochzeiten weiland florirenden Possenreißer, ohne alle Ansprache an das Gefühl. Noch nie hörte ich hier bei einer Trauung einen ermahnenden, hcrzerhebenden, gesühlerregcnden geistlichen Vortrag und die geistliche Beredsamkeit

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