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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-03-26 · Heft 13 (26.3.1842) · p. Seite 194

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 13 (26.3.1842)
Date
1842-03-26
Page
Seite 194 (sequence 18)
Language
German
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194 hundert überhaupt beherrscht, verschlingt alles kirchliche Leben, und nimmt, da die materiellen Verhältnisse jetzt sehr verworren sind, alle Kraft und Zeit des Menschen in Anspruch. Sehen Sie, welch ein Jagen, Rennen, um die Bedürfnisse der Familie aufzubekommen, dazu bedarf es täglicher, stündlicher Aufmerksamkeit, wenn nicht Alles verloren gehen soll, da muß gereist, geschrieben, getrieben werden. Da man in der industriellen Welt jetzt Alles nach Minuten mißt, und der ganze Prosit der Industrie in der Ersparung von Minuten und Händen besteht, wie soll man da ganze Tage zur Ruhe finden? Sehen Sie doch, was will das christliche Sonntagsgesetz gegen das jüdische Sabbatgesetz sagen, und doch wird nicht einmal der Sonntag gehalten, wenn nicht der Staat ihn mit Gewalt erzwingt. Als der Handel noch in Monopolien bestand, und die Juden auch noch ihr Monopol hatten, da konnte man zu Zeiten seine Hände in den Schooß legen. Jetzt aber da die Juden eben nur so kommerzielle Individuen sind, wie alle Anderen, und der Hintermann nur auf die Mußestunde des Vordermanns wartet, um ihn zu stürzen — wie soll der Jude da warten können, bis er Habdala gemacht?-Der zweite Widersacher der positiv-religiösen Form ist die — Wissensch aft. Ist der Wissenschaft überhaupt die reine Idee die Hauptsache, das Leben, so entfremdet sie schon an sich der Form, und glaubt genug zu haben, wenn sie die Idee aus der Form gezogen hat; theils enthüllset sie die Idee von der Form, theils macht sie die Idee zum Extrakt aus der Form. Andrentheils reißt die Wissenschaft überhaupt alle Schranken nieder und produ'zirt ein Niveau, auf dem sie einen Unterschied zwischen den Menschen (ich meine hier nicht den politischen Unterschied, sondern den des Charakters und seiner Bedürfnisse,) gar nicht anerkennt. Endlich erkaltet die Wissenschaft ganz gewiß das Gemüth, und dampft sein religiöses Verlangen überhaupt. Es ist daher nur zu gewiß, daß die Wissenschaft einer religiösen Genossenschaft, die auf historischem Boden steht, und da begriffen und gefühlt sein will, viele Individuen entzieht. Sie brauchen nur einen Blick auf die Juden, die sich den Wissenschaften widmen, zu werfen, um dies bestätigt zu finden. — Der dritte Widersacher der jüdischen Observanz, und auch kein unbej deutender, ist: der Umgang. So sehr die Gewohnheit an die angeborne Sitte fesselt, so wirk-! sam ist die Gewöhnung für neue Sitte. Ehe-! mals mochte es der Umgang mit Christen sein, jetzt | ist es schon der Umgang mit Juden selbst, die den! jüdischen Bräuchen nicht mehr huldigen, welche letz-! teren von Jahr zu Jahr immer mehr Familien ent- : ziehen. Hierbei muß man nun wohl bemerken, daß : die Observanzen ein Ganzes sind, und .den unwel sentlichen die wesentlichen bald nachgehen, denn wer; einmal eine Observanz als lästig, oder für sich nach seinen Verhältnissen als unmöglich ansieht, wirft ' bald Alle über Bord. — Ja, werthes Fräulein, i diese drei sind die Götter Jsrael's: Industrie, Wissenschaft und Umgang zermahlen die bestehenden rej ligiösen Gesetze —■ die Emanzipation ist ganz unl schuldig. Möglich, daß diese jenen Verfall beschleunigt, und indem sie die Juden immer mehr in das allgemeine Leben hineinzieht, sie darin fördert: aber an und für sich ist sie deshalb nicht zu beschuldigen, und darum nicht weniger anzustreben. „Und was ist denn nun Ihre Ansicht von allem Dem?" Sie verlangen ein offenes Bekenntniß, mein Fräulein. Wie gern gäb' ich es Ihnen. Aber der vom Eigendünkel Nichtverblendcte wird in solchen Dingen, die immer sioch mehr der Zukunft als der Gegenwart angehören, ein fertiges Urtheil zu fällen sich scheuen. Er wird bei sich das Gefühl pflegen, daß er als Individuum eben nur seiner Zeit angehört, und unter deren Herrschaft steht. Wie? wir getrauen uns kaum über unser eigenes Morgen zu urtheilen, da wir doch all' unsre Bezüge und Verhältnisse kennen, und Entschlüsse spinnen: und sollten uns getrauen, über zukünftige Gestaltungen von Erscheinungen abzusprechen, die in den unabsehbaren Gang der ganzen Weltgeschichte verflochten sind? Es gab Zeiten, wo das Judenthum auch an neuer Entwickelung arbeitete, wo die Bekenner des Judenthums auch emanzipirt waren, wo sie Theil nahmen an den Ehren des Staates, und wo man sie zwang, die Gemeindelasten der Dekurionen auch zu tragen, es waren dies die Jahrhunderte nach der Zerstörung Jerusalems, und siehe da, welch' ein andres Judenthum ging daraus hervor, als man vermuthei hätte, und welch' andre Stellung in derMenschcnwelt für die Juden! Wer hatte damals gewagt,

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