Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Seite 189 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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189 fchreiber und Abdrucker Veränderungen erfuhren, sondern weil auch die Gemeinden nie das Recht sich streitig machen ließen, die einzelnen Gebetsstücke zu vermehren, zu vermindern und Überhaupt sie nach Umständen und Bedürfnissen .zu modifiziren. S. Zunz gottesdienstl. ÄDorträge, S. 369. Die Abkürzung und Modifikation vieler Gebete in dem vorliegenden Gebetbuch, und besonders des Ina*, N2N8, der wsba ira«, nun bs, u. a. hat ohnehin die sefardische Agende für sich, aus welcher sie ausgenommen sind, und rechtfertigt.sich durch diese. Daß den Gemeinden von jeher das Recht zustand, die vorhandenen Gebete mit neuen zu vermehren, dieses bedarf keines weitläufigen Beweises, da wir diesem Rechte es verdanken, daß die Liturgie, die, wie sie noch Maimonides kennt, ökonomisch gedruckt, keine hundert Seiten anfüllen würde, zu einem bändereichen Werke anwuchs, das ein Mann nicht im Stande ist, in's Gotteshaus zu tragen. Erhob sich gegen den bis zur Ungebühr getriebenen Mißbrauch dieses Rechtes die Stimme der Bessergesinnten aller Zeiten vergebens, warum sollte es jetzt den Uebelgesinnten gelingen, es da streitig zu machen, wo man es anwendet, um zeitgemäße, die Andacht und die Erbauung befördernde Gebete an die Stelle der Alten und Veralteten zu setzen. Das Borlesen der Tora in einem dreijährigen Cyklus statt in einem einjährigen hat einen uralten, schon vom Talmud gekannten Gebrauch für sich, Megilla toi. 29. der sich zwar nicht allgemein verbreitete, Maimonides, Hilch. Tesilla 13,1. aber um so mehr wieder hervorgesucht und eingeführt zu werden verdient, als nichts mehr die Langeweile, den Ueberdruß und die Störung des öffentlichen Gottesdienstes befördert, als die ungeheuer langen Perikopen, welche von dem größten Theil der beim Gottesdienst Anwesenden nicht verstanden werden. Derselbe praktische Grund spricht auch für die Entfernung der Haftora, da auch diese weder der Andacht noch der Erbauung, sondern nur der Gedankenlosigkeit und der Werkheiligkeit Vorschub leistet. Wer weiß nicht, daß von jeher das Beginnen der Haftora für Viele das Signal war, die Synagoge bis zu deren Beendigung zu verlassen? Rechtfertigt sich somit diese Maßregel von selbst, so kann noch weiter dafür angeführt werden, daß die prophetische Lektion nicht, wie die pentateuchische von Esra, sondern viel später zu einer Zeit eingeführt wurde, da es verboten war, aus der Tora zu lesen. Dieses Verbot ist aber längst außer Kraft gekommen, seine Erneuerung steht auch in unfern Zeiten nicht .mehr zu befürchten, daher auch nicht einzusehen ist, warum, der Stellvertreter neben dem was er vertreten soll, sortbestehen muß. Daß dergleichen Maßregeln, wo sie durch die Umstände geboten werden, dem Talmud selbst nicht nur nicht fremd, sondern sogar durch sein eigenes Beispiel gebilligt worden, beweist gerade die Geschichte der Haftora. Ursprünglich fand nicht nur bei dem Morgengottesdienst an Sabbat und Festtagen, sondern auch bei dem Abendgottesdicnste des Sabbats und wahrscheinlich auch des Montags und Donnerstags und überhaupt so oft aus der Tora vorgelesen wurde, eine Lektion aus den Propheten statt. S. Sabbat fol. 24 und 116. Diese ließ man in Abgang kommen, nicht wie Theschubat haggeonim meint, weil die persische Regierung sie verbot, denn diese würde sich schwerlich auf die Sabbat-Abend-Haftora beschränkt haben, sondern, wie Raschi zu Megilla fol. 21. bemerkt, weil es für das Volk zu beschwerlich gewesen wäre, wenn man an den Werktagen und Sabbatabendcn eine Haftora beibehalten hätte. Die Beseitigung der Haftora bei dem Morgengottesdienst ist somit nur ein weiterer Schritt der schon im talmudischen Zeitalter begonnenen Reduktion. Wie für die Entfernung der Haftora spricht auch für das Antiguiren der wnha iibsn oder der Wiederholung der r-chsn, der talmudische Grundsatz buu ö3>u ^aa mit dem Grunde fällt auch die Sache. Die zweite nhsn wurde ursprünglich für diejenigen eingeführt, die selber nicht beten konnten und die dadurch ihrer desfallfigen Verpflichtung genügen sollten, daß sie auf die einzelnen, von dem Vorbeter laut gesprochene Benediktionen Amen sprachen. Maimonides Hilch. Tefilla 9,6. Heut zu Tage möchte es wol schwerlich einen Israeliten geben, der nicht lesen könnte, und der in dieser Beziehung einen Stellvertreter nöthig hätte. Die Wiederholung der nhsn erscheint gegenwärtig als die unnvthige Vervielfältigung eines Gebets, welches ohnedies täglich dreimal verrichtet werden soll. Die Unterlassung derselben ist offenbar im Interesse der Andacht und der wahren Gottesverehrung.