Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Seite 187 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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187 einer gewissen Begeisterung für ihn an. Das Ei, das am Feiertage gelegt worden, wurde vorerst in Ruhe gelassen, bald hing auch die Welt nicht mehr an dem Milchtropfen, der auf ein Stück Fleisch gefallen"). Die Disputation der Gelehrten, bisher einzig und allein solch heiligen Thema's zugewandt, kehrte sich nunmehr intellektuellen großen Fragen zu, wie z. B. der Verderbniß, die aus der Kenntniß der hebräischen Grammatik entspringt u. s. w. Darauf rüstete man sich, besonders das Weltwunder aus Sammut, bis 'endlich der Vielbesprochene ankam. Er kam wie ein Mann, der sein Publikum kennt, ganz kennt. Schon früher hatte er durch vernünftige Gründe seine Wilnaer Freunde, die dort im Ruf eines nicht frommen Lebenswandels stehen, von sich entfernt, die Freunde verkannten ihn nicht und folgten bereitwillig. Dann trat er auf, schlicht, ruhig, gegenüber den Armen, Furchtsamen, durchdringend bestimmt, kräftig gegenüber dem Gelehrten, und stolz mit sehr deutlichem Hinweisen auf die Regierung gegen den Reichen. Alles in einander wirkte großartig. Dispute wieS er mit zwei schlichten Worten ab; dem Zelotismus stellte er Milde, Klarheit entgegen und hielt ihn fern von sich, dagegen bewarb er sich um die Gunst des Rabbinen, pflog mit ihm allein Unterredungen, ging mit ihm durch die Straßen, und erregte in den ersten Lagen die allgemeinste Bewunderung. Er wußte aber auch, was er wollte, und das führte er bestimmt mit Energie und Kraft aus. Den Minister und also auch den Kaiser im Hintergrund, wäre es ihm ein leichtes gewesen, die Gemeinde zu einer Abgabe zu zwingen, von der eine Schule mit deutschen Lehrern unterhalten werden kann. Die Sklaven legten sich auch bald ihm zu Füßen; er wurde der gefürchtete, aber als er es war, als er sah daß er gebieten kann, daß es die Sklaven wissen, daß er gebieten könnte, begann er den edlern und wahren Theil seiner Mission, er begann die Leute zu sich heraus zu heben, um ihnen die Früchte der Saaten zu zeigen, die sie ") Das Ei und der Milchtropfen bilden zwei sehr wichtige Talmudabschnitte. Wie viel Generationen Hühner sind schon wahrend des Kampfes um jenes Ei dahingeschlachtet, und wie viel Schweiß- und Bluttropfen über diesen Milchtropfen vergossen worden! Corresp. auszustreuen bereit sind. War ner früher ein Diplomat, so wurde er jetzt der Geistliche, und gab sich ganz dem Gefühl desselben, dem Moment hin. Er ließ sich in die Klaus begleiten, betrat das finstere Gemach; viele Insassen waren anwesend, blutjunge Geschöpfe, fast 60 an Zahl, die hier leben, schlafen,^ essen, trinken und beten. Verwahrlost, verkümmert, abgehärmt, voll Schmutz, Krätze und Ungeziefer, so starrten ihn die armen Geschöpfe an. Lilienthal wandte sich an die Vorsteher, die gefürchteten Vorsteher, und begann aus übervollen Herzen die Verantwortlichkeit dieses Elends auf deren Brust zu wälzen. Er wurde laut bei der Schilderung dieses Elends, sprach jüdisch verständlich, klagte über den Verfall und — was bedarf es der Versicherung, daß bei solchem Anblick die Worte dem braven Manne unversiegt zuströmten — erregte die steinernen Herzen der Vorsteher und weckte die dumpfen Geister der unglückseligen Insassen der Klaus auf und zwang allen etwas ab, was sie noch niemals Jemandem gezollt: Achtung! War das der Mann, der nach Wilna disputiren kam? Er hat Geld verschmäht, er hat Ehre ausgeschlagen, der Freund des Ministers läßt sich von Vorstehern nach der Klaus führen, redet ihnen dort zu Herzen, weint, rührt bis zu Thränen, klagt an, und haßt doch nicht, sondern ergreift die Hände derer, die er zur Rede stellt, spricht mit Liebe, regt das Mitleid für die armen Klausinsassen auf, dabei ist er fromm, ohne Heuchelei, mildthätig ohne Prunk. Aus dem Starr - und Stumpfsinn der Unglücklichen sprießt eine neue Welt empor, sie wagen nicht die Welt zu ergänzen noch den edlen Meister, der sich in Lilienthal gezeigt, noch glauben sie, daß es eine Sünde ist zu sein wie er; aber dennoch sind sie von ihm erfüllt, dennoch fühlen sie was Seelengröße ist, und ist er ein Feind, sie achten ihn, müssen ihn achten. Aehnliche Scenen wiederholen sich; der Erfolg ist allenthalben günstig. Bald ist Lilienthal in Aller Mund; nur wenige Reiche schließen sich ab, die Armen würden schon ihre Anhänglichkeit an dem wunderbaren Manne offen bekennen, wenn sie nur durften, und nun erst, nachdem er populär geworden, geht er auf seinen Hauptzweck los: die Errichtung der Schule. Hoffentlich werden Ihnen die Details bestimmter,