Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Seite 185 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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stumpfte seine Kräfte ab, und er erlag zuletzt am 3. Februar, nach viertägiger Krankheit im 80sten Jahre seines Alters. Wenn wir nun die vielen Kämpfe dieser kräftigen Natur mit allem Ungemache der Dürftigkeit und den gröbsten Vorurtheilen seiner ersten Umgebung betrachten, dann bietet der Lebenslauf des Verstorbenen einem jeden denkenden Freunde der Wissenschaft ein höchst interessantes, belehrendes und anziehendes Schauspiel. — Alle Verhältnisse des Glückes und der Geburt, die gewöhnlich für das ganze Leben eines Menschen entscheidend einwirken, waren gegen ihn, alles, was er wurde, verdankte er einzig und allein sich selbst, seiner Ausdauer und seiner unermüdeten Lernbegierde. — Er hatte alle Tiefen der Mathematik durchgewandert; fast in jedem Felde der Wissenschaft einheimisch, verband er mit allem Erlernten Scharfsinn und Einbildungskraft. — Ernst und streng in seinem Aeußern war er von Gesinnung sanft und wohlwollend, im Umgang belehrend, seine Borträge eben so sachreich als wortkarg, zeichneten sich durch Klarheit und Kürze aus. — Der hebräischen und chaldäischcn Sprache war er ein tiefer und umfassender Kenner seine Briefe und Schriften sind in dem korrektesten Style abgefaßt; außer den von ihm durch den Druck veröffentlichten Schriften, die theils in hebräischer, theils in polnischer Sprache verfaßt sind und sämmtlich das Gepräge der strengen und tiefen Denkart an sich tragen, befinden sich in seinem Nachlasse werthvolle Manuskripte, die von einer kundigen Hand geordnet und veröffentlicht, reiche Fundgruben für hebräische Grammatik, Lexikographie und biblische Kritik im allerumfassendsten Sinne des Wortes liefern würden. — Es wäre eine solche Veröffentlichung um so mehr zu wünschen, da, neben dem für die biblische Literatur, namentlich vom rabbinischen Standpunkte aus, daraus hervorgehenden Nutzen, dieses das würdigste Denkmal wäre, das einem Manne gebührt, der sein ganzes Leben der Wissenschaft und der Religion gewidmet hat, und dadurch der Noth und Dürftigkeit einer Wittwe und fünf Kindern wohl einigermaßen abgeholfen werden könnte. — Ed. H. St. Petersburg, I.März. Die Anzahl sämmtlicher Israeliten in Rußland wird im Ministerial- Bericht auf 1,092,341mit 604 Synagogen, 2340 Betschulen, 3944 Unterrichtsschulen und 954 Rabbinern angegeben. Berlin, 10. März. (Privatmitth.) Das Ereigniß, welches in jüngster Zeit hier schnell circulirw und freudige Bewegung hervorrief, ist mit wenigen Worten gesagt: Die Anwesenheit des Dr. Lilienthal in Wilna, und die Folge derselben, die Errichtung einer Gemeindeschule daselbst im Geiste der Aufklärung. Und doch sind die wenigen Worte viel. Unendlich viel im Vergleich zu unserer Thätigkeit in Worten, in Kämpfen, im Streiten, oder gar Zanken. Ignoranz, Spitzfindigkeit, List, Brutalität hatten sich gegen ihn verschworen. Man sah seiner Ankunft in Wilna entgegen, als einem Ereigniß, wo man Gelegenheit haben wird, den Taatsch und Chosok (Deutschen und Narren) zu hänseln, ihn so recht gegen den russischen brutalen Witz anlaufenzu lassen. In den Klausen, den Gemeindestuben, den Schulen, den Gassen erzählte man sich schon die Streiche voraus,- die der und jener unverschämte Witzling ihm zu spielen gedenkt. Man schwenkte schon die Daumen, klatschte in die Hände und lachte über die Possen, die man mit ihm reißen würde. Die Infamie hielt ihn weder vor Steinwürsen noch vor Prügeln sicher; irgend wie zu verlocken, zu verstricken, gedachte man ihn; eine Falle sollte ihm gestellt, ein Possenreißer sollte herausgeputzt werden, mit dem sollte er disputiren, schon hatte man die Rollen vertheilt, die Lokalitäten bezeichnet, wohin er gelockt wird, da verbreitete sich die Nachricht : Lilienthal wird bald kommen, aber der Minister der Aufklärung Uwarow schickt, schützt ihn, und die gelacht, zitterten jetzt, die gewitzelt, singen an zur Seite zu kriechen, der Gemeindevorstand, der stolze Gemeindevorstand, der allvermögende, lief zusammen; man mußte berathen, den Stand der Kasse überschlagen, denn man glaubte hier im Namen Gottes und Jsrael's handeln man glaubte Lilienthül brennen (bestechen) zu müssen. Es ist nichts seltenes, daß man im Augenblick die Russen herrisch, befehlshaberisch, Sklavendienst fordern sieht; der vermeintlich Gesklavte sagt ein Wort, wie: Kaiser, Kaiserlicher Diener — und der Herrische, ohne beschämt zu sein, ohne irgend ritten andern Gedanken zu hegen, als: ich habe mich geirrt, jer ist nicht mein Sklav; ich bin der seinige! 13"