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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-03-26 · Heft 13 (26.3.1842) · p. Seite 178

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 13 (26.3.1842)
Date
1842-03-26
Page
Seite 178 (sequence 2)
Language
German
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178 sprechen wir hier gar nichts sondern lediglich von dem tm Allgemeinen jetzt obwaltenden Geiste. Der Vater, der seinen Sohn anhielt, wollte nur, daß dieser das Gebet mit den vorgeschriebenen Formalitäten abgesagt habe; in der Synagoge selbst wurden und werden unzählige Gebete mit einer so stürmischen Eile zum schnellen Ende gebracht, daß daraus sattsam hervorgeht, es handle sich lediglich nur um das Absagen, nicht aber mit welchen Gesinnungen und Gefühlen das Gebet gesprochen, ob überhaupt das Gebet begriffen worden sei. Eine schnurstracks entgegengesetzte Ansicht thut sich Lu unzähligen Individuen unsres Glaubens gegenwärtig kund. Mehr oder weniger wird die Pflicht, die hergebrachten Gebete zu sprechen, Ln Abrede gestellt. Alles komme vielmehr auf den Geist an, der den Beter bewege, ein Gebet ohne Andacht sei gar keines; folglich wenn ich nicht andächtiger Erhebung bin, müsse ich gar nicht beten; der Besuch des. Gottesdienstes und das Gebet könne sich daher nur nach der in mir vorhandenen Stimmung richten; es sei daher ganz und gar dem Individuum anheim gegegeben, wann und wie er beten wolle. Wenn diese Ansichten auch nur Ln Wenigen völlig klar zum Bewußtsein gekommen, so bekunden doch unzählig Mehre sie durch ihr Thun. Hier ist es nun, wo die größte Mannigfaltigkeit zum Vorschein kömmt. Der Eine giebt das tägliche Gebet auf, hält aber an den Sabbatgebeten fest; der Andere läßt Ln diesen nach, und beschränkt sich auf die Festgebete; der Dritte fühlt sich veranlaßt, auch diese nur auf den Rosch haschana- und Jom-Kippurgottesdienst zusammenzuzichen. Auch innerhalb dessen sieht sich der Eine bemessen, die sämwtlichen Gebete der Synagoge zu beachten, der Andere begnügt sich mit gewissen Hauptgrbeten, nach denen erdas Gotteshaus verläßt, oder müssig Ln demselben verweilt. Wie sich diese beiden Ansichten faktisch gegenüberstehen, läßt sich mit beiden nichts anfangen. Die erstere, die zwar Ln ihrer Grundlage synagogische Vorschriften für sich, Ln ihrem Wesen aber sich nur so gemacht hat, da ja von vorn herein es keinem Kultus gleichgültig sein kann, ob seine Beter sich mit dem bloßen Worte abfinden, kann bei dem gegenwärtigen Geiste nur Abnahme, keinen Zuwachs erwarten. Die letztere aber ist, je wehr sie sich entwickelt, der ärgste Feind, der wahrhafte Zerstörer alles Kultus; sie löst den Gottesdienst auf, und macht ihn so znm Gegenstand des Zufalls, daß er auf die Länge gar nicht bestehen kann, oder der Art hinschmachtet, daß sein Dasein nicht aus den Wirkungen, sondern nur aus den Erhaltungskosten zu ersehen ist. So wie nämlich von der einen Seite zugegeben werden muß, auch unter der Autorität der alten jüdischen Gesetzesinterpreten, daß ein andachtloses, bloß gesprochenes Gebet ohne Werth, folglich das bloße Absagen keine Erfüllung einer Pflicht ist: so muß auch von der andern Seite eingestanden werden, -aß eine völlige Willkür in der Bestimmung, daß ein gänzliches Sichgehenlassen bald alle religiöse Regung, alle religiöse Entfaltung ersticken wird: der religiöse Thermometer wird in der Seele der Menge unter den Gefrierpunkt hinuntergedrückt. Vergebens flüchtet man sich hinter den Bestand einiger wenigen, erhabenen, vom religiösen Geiste so durchwehten Geister, welche der Nahrung von außen in religiöser Bezie, hung nicht bedürfen — nur unter dem günstigsten Zusammentreffen von Umständen und Anlagen können solche Seelen gebildet werden, und auch diesen muß die Beschäftigung ihres irdischen Berufes freien Raum schaffen für ihr inneres Leben. Alles dies ist auf die enorme Mehrzahl der Menschen nicht anwendbar, und Trug. Für diese ist und bleibt der Gottesdienst der wesentliche religiöse Anhaltpunkt, den immer intensiver, segensreicher, durch Einwirkung und Beispiel, von Seiten jedes Individuums, immer reicher zu machen, Pflicht aller Einsichtsvollen ist; für diese hört alle religiöse Haltung auf, wenn die Anregung durch den Gottesdienst aufhört. Die Gegenwart und nächste Zukunft hat daher allerdings den Beruf, den Kultus zum Objekt ihrer Wirksamkeit zu machen. Es ist das dringendste, nächste. Hier stellen sich nun folgende Bedingungen heraus: 1) das historische Judenthum zu berücksichtigen, 2) das bestehende liturgische Material innerhalb der ersten Bedingung zu sichten und zu vereinfachen, 3) den Kultus zu beleben und mit der Weihe der Andacht zu durchtränken. Diese drei Bedingungen stellen den Standpunkt fest, von welchem aus eine Vermittelung zwischen jenen beiden extremen Meinungen, die faktisch den Boden des Judenthums occupirt haben, möglich ist. Vor Allem müssen wir dagegen protestiren, diese Vermittelung, als eine Art von Schwäche zu bezeichnen, in der man das für richtig Erkannte aus Schonung und Rücksicht nicht konsequent durchführen will: sondern, wie wir erwiesen zu haben glauben, jene beiden extremen Ansichten sind an und für sich nicht das Richtige und

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