Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1842)
- Date
- 1842-03-26
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225227-3225241--04243-3313822- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
179 Wahre, welches erst Ln einem Dritten gefunden sein will. Dieses Dritte, Richtige kann aber nur sein, vom historischen Iudentbum nur das zu opfern, was den wahren Zwecken des Kultus entgegensteht, diesen aber befähigt zu machen, seine Zwecke innerhalb der Religion zu erreichen. Die Entwickelung und Fortbildung eines Bestehenden kann nicht in einem ganz Neuen bestehen,- das an die Stelle des völlig entwurzelten Alten gesetzt wird. Denn dann ist es nicht mehr das Bestehende, sondern ein Funkelnagelneues, und so leicht man spotten kann über ein abgestorbenes Veraltete, so leicht macht es sich auch leicht, ein Produkt der Renzert zu verhöhnen. Ueberhaupt kann man es sich nicht genug zum Bewußtsein bringen, daß es der neuern Zeit, sei es aus Mangel an Schöpfungskraft oder an Receptionskraft, nicht gegeben ist, ein Neues in Staat und Kirche zu schaffen, welches, auf feste Basis gestellt, eines dauernden-Bestandes Bürgschaft Ln sich trüge. Im Gegentheil hat sie aber eine nicht unbedeutende Regenerationskraft bekundet, die freilich nicht in eine Wiederbelebung des Tobten und Begrabenen ausarten darf. Es ist dies auch logisch richtig. Die jüngste Zeit war die der Kritik; Kritik ist Negation des RecLptrten, der Autorität. Indem nun durch die Kritik alle Stützen des Bestehenden untersagt worden, fehlt das feste Fundament für jedes neue Bauwerk. Wir müssen die spezielle Entwickelung dessen auf die nächste Zeit versparen, indem wir noch einmal zu den allgemeinen Ansichten zurückkehren. Der Kultus hat demnach nach zweien Zielen zu streben: dem altern Geschlechts (wir reden hier nicht von „alt" an Jahren) hat er die Belebung, die Vergeistigung, die höhere Weihe zu verleihen, und Lusonders das Gefühl dafür zu wecken und zu bilden. Dem jungem Geschlechts hat er überhaupt das religiöse Bedürfniß, ein synagogisch-religiöses Bedürfniß von Neuem zu schaffen. Die Wirksamkeit des umgebildetcn Gottesdienstes gehet also nach zweien Seiten hin, und seine Aufgabe ist daher sehr groß. Falsch und treulos handeln deshalb die, welche Ln einem veredelten Gottesdienst nur eine ästhetische Vorschule, nur ästhetischreligiöse Aufführungen erblicken wollen. Wer den gänzlichen Mangel an religiösem Bedürfniß Lm jungem Geschlechts kennt, der wird diesen noch vielmehr als den Verfall des ältem Gottesdienstes beklagen, und jedenfalls die dringende Aufforderung darin erkennen, werkthätig zur Abhülfe zu schreiten. Magdeburg, den 15. März. Das jüngste Heft der „Minerva" von Dr. Brau (Februar 1842) enthält einen Aufsatz „die deutsche Judenangelegeuheit nach ihrem neuesten Standpunkte." — Der Aufsatz ist durchaus nicht in judenfeindlicher Gesinnung geschrieben, aber er ist ein abermaliges Zeugniß, daß die meisten christlichen Schriftsteller, welche unsre Angelegenheiten besprechen, sich nicht scheuen, aus völliger Unkenntniß der wirklichen Sachverhältniffe heraus ihre Phrasen zu drehen, ihre Forderungen und Bedingungen zu stellen. Wir können nicht von jedem, selbst wissenschaftlichen Manne verlangen, die auf das Judenthum bezügliche Literatur, die Rechtsverhältnisse der Juden ff. genau zu studiren. Wohl aber können wir wenigstens eine ziemliche derartige Kenntniß von denen fordern, welche darüber schreiben, welche ihre Ansichten darüber öffentlich darlegen wollen. Wir wollen nur Einiges anführen. Der Verf. fordert die Juden auf, sich der Presse zu bedienen, um ihr Streben und Thun darzulegen. Run, wir glauben, die Presse feiert jetzt nicht im Geringsten von unsrer Seite. Manche glauben, es geschehe dessen schon zu viel. Der Verf. jenes Artikels hat also von allen diesen Bestrebungen noch nicht die geringste Kenntniß, dergleichen ist noch nicht bis nach — Jena gedrungen. Ferner spricht der Verf. von einer Trennung der Tatmudisten und Reformisten in Berlin, auf die er große Hoffnung baut, und fordert die preußische Regierung auf, dieselbe zu fördern — ans welchem Zeitungsartikel hat er dies entnommen k Der Verf. meint, die Emanzipation werde bloß von den reichen Juden gefordert. Welch' eine falsche Behauptung! Gewiß hat der Verf. in dem darauf folgenden Artikel „von der Lage der Dinge in Afghanistan" mehr Sachkenntnis; und richtige Anschauung. Nein, nicht die reichen Juden sind bei der Gleichstellung intereffirt, sondern die Masse. Die Reichen? bei denen wird die Kluft durch ihr Gold hinlänglich ausgefüllr, und selbst im Umgang macht man ihnen gar wenig Zurücksetzung fühlbar. Aber die Masse, die große Mittelklasse, die Unbegüterten, die ihren Erwerb von Tag zu Tage stellen müssen, sie, die in jedem Augenblick mit ihren christlichen Mitbrüdern in Berührung und Wechselverkehr kommen, sie, die nach einem guten, festen Standpunkt in der Ge: sellschast ringen, und überall auf Hemmnisse stoßen — diese sind die Betheiligten bei der bürgerlichen Gleichstellung, diese schreien darum wie um das tägliche Brod. Der Verf. will nun die Emanzipation von einer Reform