Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1842)
- Date
- 1842-03-12
- Page
- Seite 160 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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160 Isaak für schuldig, sein Sohn für frei erklärt. Der Vater erschien gefaßt, und ertheilte seinem bestürzten Sohne den letzten Segen. Der General; Prokurator machte bekannt, daß das Kassationsgesuch verworfen worden. Die Befehle zur Hinrichtung wurden gegeben, und diese sollte nach dem Gebrauche an einem Markttage statt finden. Fürchtend, daß die Landbewohner gegen die Israeliten Excesse ausüben würden, hatten die Behörden den österreichischen General, Baron von Frimont, ersucht, einen Theil der Garnison unter Waffen treten zu lassen. Ihrerseits waren die Notabcln der jüdischen Gemeinde zusammengetreten, um die vorgeschriebenen Ceremonieen in solchem Falle eintreten zu lassen. Zwei Tage darauf füllte eine.unermeßliche Menge die Straßen an; sie wartete vom Anbruch des Tages, an, um den Tod eines Juden mit anzusehen, der so verwegen gewesen, einen Christen zu tödten. Dieser Gedanke bewegte die Menge, nicht der Abscheu, einen Menschen durch seinen Mitmenschen getödtet zu sehen, aber es waren Generationen vergangen, ohne daß ein Hebräer zum Richtplatz geführt worden war. Jeden Augenblick langten von den benachbarten Dörfern neue Haufen an; die Vorstädte von Colmar waren verödet, denn ihre Massen standen gedrängt um die Mauern des Gefängnisses, in Zaum gehalten von den Bataillonen des Regiments Kolloredo, während die riesigen Kürassiere von Sommariva mit Mühe einen Weg zur Guillotine bahnten. Die Ungeduld des Volkes war groß, denn die zur Hinrichtung bestimmte Stunde war verflossen, und der Verbrecher lebte noch. Schon ließ sich Gemurmel hören, man sprach von erlangter Begnadigung, und — Gnade für einen Juden! welch' Abscheu! Die Ursache der Zögerung war diese: der Nachrichter war angekommen, den Verurtheilten vorzubereiten, die Hände ihm zu binden und ihn zum Schaffot zu führen; aber nach dem jüdischen Ritus wird der Körper eines zum Tode Verurtheilten schon vor der Hinrichtung .als Leichnam angesehen, und ein jüdischer Leichnam soll nicht von Christen berührt werden. Ein Streit erhob sich deshalb zwischen den Leuten des Gerichts und den jüdischen Notabeln, man verlangte die Ansicht des ersten Präsidenten des Gerichtshofes von Colmar, der, der Freiheit des religiösen Glaubens nachgebend, die jüdischen Ceremonieen zu beachten befahl. Die Thvre des Gefängnisses öffneten sich, um einige Gensdarmen auszulassen, denen eine Gruppe Männer folgte. Zehn von den angesehensten Israeliten der der Stadt hatten das Recht erhalten, das Schaffot zu besteigen; sie bildeten das Minjan, und recitirtcn laut und in hebräischer Sprache die Todtengebete. Der Verurtheilte, ohne eine Fessel, ging festen Schrittes einher, bekleidet mit dem Todtenhemde (Kittel) mit dem Talith und den Tesillim; ihm zur Seite der Rabbine von Winzenheim, ein Greis mit weißem Barte, in einem schwarzen Tatar. Seit vielen Jahren kannte die Bevölkerung den Rabbinen von Winzenheim wegen seiner Frömmigkeit und Wohlthätigkeit, die sich ohne Unterschied über alle Glaubensparteien erstreckte. Bei seinem Anblick, ließ sich ein Beifallmurmeln in der Menge hören, die Häupter wurden entblößt, der Verbrecher wurde vergessen, man sah nur den Mann Gottes. Anstatt der Unruhen, die man befürchtete, wurde der letzte Gang des Schuldigen nur durch die Gebete begleitet, die man in einer der Menge unbekannten Zunge sprach, bald stimmte das Volk, welches Gott für einen Sterbenden anbeten hörte, ein und mischte seine Stimme in die des jüdischen Priesters: die Religion hatte das Vorurtheil üb erw unden! Auf dem Schaffot angckommen, wurde der Verurtheilte auf das Unglücksbret durch seine Glaubensgenossen gelegt, und der Todesstreich durch den Nachrichter vollzogen. Isaak starb, nachdem er zum letzten Male die Widdui gesprochen und den Segen seines Geistlichen empfangen. In diesem erhabenen Augenblicke, ergriffen von Staunen, da es den religiösen Kultus das Henkeramt vertreten sah, warf sich das Volk auf die Knie, und, hingerissen vom Beispiel, prasentirten die Soldaten von Kolloredo die Waffen vor dem Rabbiner von Winzenheim. Ferdinand Cerfberr. (Arch. isr. de France.)