Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1842)
- Date
- 1842-03-12
- Page
- Seite 157 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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157 Theologie. Wie verhält sich der Begriff von der Entwickelung des Göttlichen in der Menschheit zu dem Lehrbegriff von der göttlichen Offenbarung? Den Verketzerern muß Alles dienen; selbst unfähig, in die Tiefe der Begriffswelt hinabzusteigen, greisen sie die begründetsten Lehrsätze auf, um sie mit einem aufgefangenen Schulwort zu brandmarken. Daß solche Kleingeister nicht zu belehren sind, ist eine alte Sache. Wir lassen sie auf ihrem Wege liegen, und rechnen auf die Ueberzahl der jetzigen Menschen, welche selbst prüfen, und mit eignem Blick Alles, was sich aus den Arbeiten der Zeit entwickelt, zu durchforschen suchen. Man hat die Lehre „von der Entwickelung des Göttlichen in der Menschheit" — rationalistisch genannt. Es geht dem Worte „rationalistisch," wie es dem Worte „orthodox" erging. Die eigentliche Wurzel des Wortes ist gesund und herrlich; nur unter dem Wühlen der Parteien verlor es das schöne Gepräge, und zum Parteizeichen geworden, ist ihm der ursprüngliche Charakter erloschen. Wir wollen uns daher um das Wort nicht im Geringsten kümmern, sondern allein auf die Sache eingehen.- Was heißt das: Entwickelung des Göttlichen in der Menschheit? Wir nennen „Göttlick" im Menschen Alles, was dem Menschen Gottähnliches einwohnt, was er Gottgleiches besitzt. Indem die heil. Schrift den Menschen für das Ebenbild Gottes erklärt, Gott selbst Odem in des Menschen Nase hauchen läßt, hat sie zugleich gelehrt, daß in dem Menschen Göttliches vorhanden ist. Was anders kann nun das Göttliche im Menschen sein, als die Wahrheit, die er erwirbt, die Tugend, die er erlangt, das Rechte, das er übt. Betrachten wir nun die Menschheit als Ganzes, so wird das Göttliche in ihr je nach dem Maße vorhanden sein, wie Wahrheit, Tugend, Recht sowol intensiv als Erkenntniß, als extensiv als praktische Bethätigung in ihr existiren. Der erste Blick in die Geschichte lehrt uns aber, daß nach diesem Grundsätze das Göttliche in der Menschheit in sehr schwachen Rudimenten zu leben begann, und in dem Laufe der Zeiten, wenn auch langsam, fortschritt und anwuchs. Dies nennt man die Entwicklung des Göttlichen in der Menschheit. Je mehr von der Wahrheit zi^r Erkenntniß, zur allgemeinern Erkenntniß bei den Menschen kömmt, je mehr Tugend und Recht sich die allgemeinere Anerkenntniß als solche unter den Menschen erwerben, je siegreicher sie Jrrthum, Bosheit und Laster im öffentlichen Bewußtsein erdrücken: desto mehr entwickelt sich das Göttliche in der Menschheit. Hier ist nicht von der Entwickelung eines Lehrbegriffes, hier ist nur von der faktischen, reellen Verwirklichung die Rede. Vor Allem muß man in dieser Sache nur nicht nach Jahren und Jahrzehenden, sondern nach Jahrhunderten, ja Jahrtausenden und deren Resultaten rechnen. Hier muß man auch nicht verlangen, daß die Menschheit eine gerade Eisenbahnlinie verfolge, man muß auf zeitweise Rückschritte zählen, durch die sich das Göttliche mit erneueter Kraft Bahn bricht, nachdem es neue Hindernisse hinweggeräumt hat. Hier muß man nicht schon am Ziel zu sein glauben. Dann aber wird kein Unbefangener zögern, die Entwickelung des Göttlichen in der Menschheit anzuerkennen, und der Misanthrop muß die Augen mit Gewalt schließen. Führen wir nur Einiges an. Daß der grobe Götzendienst auf Erden immer mehr verschwindet, daß der Aber- und Afterglaube immer mehr zusammenschmilzt, daß der Sklavenstand immer mehr unterdrückt wird, daß die Wohlthätigkeit unzählige Anstalten schaffet, um die Ungleichheiten des Geschicks etwas zu ebnen, daß Tyrannei und Willkür in der Gesellschaft, Unterdrückung gewisser Klassen im Staate immer mehr der Anerkenntniß des ursprünglichen Rechts weichen müssen, daß die Völker sich immer brüderlicher vereinen, und ihre wahren Interessen untereinander immer mehr die Oberhand behalten, daß der rohe materielle Kampf zwischen den civilisirten Nationen immer wenigere Chancen für sich behält— sind dies keine Entwickelungen des Göttlichen in der Menschheit, sind dies keine Resultate dieser Entwickelung? Haben sie sich nicht aus den Jahrtausenden der Vergangenheit Bahn gebrochen, Raum geschafft, und dringen immer mehr durch? Es gehört mehr als Kurzsichtigkeit, es gehört Blindheit dazu, dies ableugnen zu wollen. — Und nun? streitet die Lehre von der göttlichen Offenbarung hiegegen? Nicht im Geringsten, II«