Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1842)
- Date
- 1842-02-05
- Page
- Seite 82 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Ich das Bestehende — auflösen? — Aber der Erste« sagte: Heißt das gegen den Wille» des Vaters Handel», wenn wir wachen über das, was ihm theuer war? heißt das sein Erbe nicht in Ehren Hallen, wenn wir es stets jung zu erhalten und einst wohl gewahret und blühend und ganz auch unfern Kindern zu übergeben suchen? Heißt das das Gebäude zerstören, wenn wir die Lücken ausfüllen — die morschen Balken wegnehmcn und mit kräftigen, frischen sie. ersetzen? wenn wir es Herstellen, daß es uns sei Zuflucht im Sturm, Schatten in der Hitze? Doch der hörte nicht und wich nicht von seiner Ansicht. Und noch einmal versuchte cs der Erste« und sprach: Aber, mein Bruder, wenn auch wir über alle Mangel und Gebrechen des Hauses uns hinwegsetzen, da wir in dieser Gestalt es überkommen und daran uns gewöhnt haben, da ohnehin wir altern und diese Hütte auch leicht unsere Hülle noch überdauern kann, — denke an Deine und meine Kinder. Wir werden sterben. Was werden unsere Kinder thun — was sollen sie thun? Wir preise» ihnen dieß Haus als das Theucrste für uns und für sie. „Haltet's in Ehren, haltet's heilig," — ermahnen wir sie. Aber wie dann: Wenn sie schon jetzt und gewiß nach unserm Tode sagen: Heilig — in Ehren halten? Was thaten die Vater dafür? Wir dahin ziehen — darin wohnen? Und uns von den morschen Wanden verschütten lassen? .... An unsere Kinder denke! Werden sie nicht unser Haus ganz und gar verlassen, da sie es herzustellen unwerth erachten! — Vergebens. Der Verstockte blieb dabei. Es soll nichts anders, auch nicht die Farbe einer Thüre anders werden, als es ist und als es war. Da ging der Erste hin und ließ den Thcil des Hauses, den er bewohnte, ganz im Sinn und im Geiste des Vaters Herstellen und führte seine hocherfreuten Kinder in die neue Wohnung und erzählte ihnen in derselben von der Liebe und Güte des Vaters und prägte so den Kindern selbst gleiche Liebe zu ihm in's Herz, als er selbst fühlte. Und der Andere? Der freute sich wol der Weisheit seines Bruders und that's ihm nach, also daß nach weniger Zeit das ganze Gebäude Ein Schönes war, deren sich Aug' und Herz erfreute? — Nein! Der faßte bitter« Haß gegen seinen Bruder, und in diesem Hasse suchte er den eigenen Bruder zu verderben und seine Wohnung zu vernichte», seines Bruders Wohnung, in welcher dieser das Andenken an den Vater ehrte! Lange trug er dieses. Als aber Jenes thörichter Eifer und glühender Haß immer unbändiger sich äußerte, also, daß er nicht einmal des Vaters schonte, und dessen weise Lehren entweihen wollte, — um seine Thorheit zu beschönigen; da erklärte der Ecstere ihn für einen argen, tückischen Verleumder, für einen solchen, der des Vaters reines, wohlgemeintes Wort entstelle und verdrehe. Sie kamen vor den Richter. — Nein, sie stehen vor dem Richter — stehen vor dem geistlichen Hirten und gerechten Richter der israelitischen Gemeinde zu Altona. Ich frage: Welcher von den Brüdern ist der an» greifende Theil? Welchem von beiden wirft er Verwirrung und Auflösung des Bestehenden vor?? Er rede, da er einmal zu reden begonnen! Wer ist nun in dem religiösen Streite der angreifende Theil? — Zum Schlüsse fügt er folgende, zu beherzigende Ansprache hinzu: „Und nun schließlich ein Wort an die Männer des Stillstandes. So wie Ihr Euch darüber nicht mehr täuschen könnt, daß das Judenthum in einer bedeutungsvollen Bewegung sich befindet, daß es vor einer gewichtigen Zukunft steht; so wie Ihr nicht mehr Euerer Aufgabe genügt zu haben glauben könnt, wenn Ihr klagt und seufzet, inzwischen unterlasset die Hände zu regen, in die Zeit mit einzugreisen, und, mit Gott, eine schöne Zukunft für Juden und Judenthum herbeizuführen; so wie Ihr erkennen müsset, daß die Zeit und die Kraft der Bannstrahlen sich, Gottlob! überlebt hat, und man auch in unsrer Mitte derer spottet, die anstatt zu belehren und zu überzeugen, den Glauben gefangen nehmen, die Gedanken in Fesseln schlagen, Ansichten unter Auctoritäten zwingen wollen; so wie Ihr den Riß in unserer Mitte sehen, und das Streben ihn auszufüllen erkennen müsset; wie Ihr aber in jedem Streben einen Abfall, in jeder Rede, die offen von der Wunde erzählt, an der Israel blutet, nur die Rede und die Warnung Irrgläubiger und Ungläubiger höret; wie Ihr einen frisch blühenden, gesunden Theil des Ganzen, mit junger Kraft in dem alten Glauben sich freuend, als einen unnatürlichen Auswuchs bezeichnet und hiemit so oft das Gute—bös, das Licht— Nacht nennet: — o, habt auch einmal einen Blick für Euch selbst, ein Urtheil über Euch selbst. Eure Stellung in der Zeit, zu dem Glauben, zu den Glaubensbrüdern! — Ihr könnt uns vorwersen, daß bei den Männern des Fortschrittes und in dem Streben nach dem Fortschritte nicht Alles sei, wie es sollte. Aber dürft Ihr darum das Bessere, das der Fort-