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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-02-05 · Heft 6 (5.2.1842) · p. Seite 80

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 6 (5.2.1842)
Date
1842-02-05
Page
Seite 80 (sequence 12)
Language
German
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80 sobald hatte sich die Frage ergeben, wenn auch nicht ausgesprochen, als sich, wie natürlich, Parteien bildeten, die, mehr «der minder bewußt, mehr oder minder gründlich, sich für oder gegen ein lebendiges Auffassen des Judenthums aussprachen. Jetzt erst fanden sich die Repräsentanten des Stabilismus und des Fortschrittes. Die Ersteren, sich auf das Herkommen als ein Recht stützend, erklärten unbedingt jede Veränderung im Leben der Juden, und wenn diese mit der religiösen Seite desselben auch nicht entfernt in Verbindung stand, als irreligiös, als ketzerisch, und mit diesen Namen wurde nicht minder der Uebertreter eines biblischen Gesetzes oder einer rabbinischen Vorschrift belegt, als derjenige, der aufhörte, sich des jüdischen Jargons zu bedienen, oder im Schnitt der Kleidung von dem bisherigen Usus abwich. Da war noch Konsequenz! — Mendelssohn war ein Ketzer, weil er den Pentateuch in ein verständliches Deutsch übertrug, Wessely weil er für die Verbesserung des Unterrichtswesens sich aussprach, und jeder Privatmann, wie gesagt, wenn er modern gekleidet war, oder irgend eine rabbinische Observanz unterließ.— Eine Nothwendigkeit zum Unterscheiden zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem, um durch Aufgeben des Letzteren das Erstere zu erhalten — geboten von dem Leben, von den Verhältnissen, kannten und beachteten sie nicht, denn für sie gab es kein Leben, als das zwischen ihren Wänden hinter dem Talmud und seinen Kommentatoren, keine Verhältnisse, als die zu den Kasuisten, kein Gesetz, als das Herkommen, keine Aufgabe, als, neben der Sorge für die tägliche Nahrung, Uebung der religiösen Gebräuche. Und, weil sie selbst der Vergangenheit angehörlen, die Gegenwart nicht kannten, alle Zukunft aber ihnen gleich der Vergangenheit schien, mußte natürlich jedes Argument, den Forderungen der Gegenwart entnommen, jede Pflicht, aus den Ansprüchen der Zukunft hergelcitet, sie unberührt lassen. Sie sahen keinen Riß, keine Spaltung, sie begriffen nicht, daß solche möglich seien; die Bewegungen der Zeit waren ihnen nur die Bewegung Einzelner, und diese Einzelnen — erklärte man in den Bann. Jedes Streben auch nur zum Verständnisse des Bestehendengalt ihnen für Abfall, doch nur für den Abfall des Einzelnen; das Ganze glaubte sie ganz und gesund und heil. Diese Männer waren allerdings nicht diejenigen, die sich in den Riß stellen konnten, sie waren keine Männer der Zeit, aber Leute ihrer, der vergangenen Zeit. Sie sahen die Dinge nur aus ihrem Gesichtspunkte, der war eng und beschränkt, aber aus ihrem Gesichtspunkte waren sie ehrlich; für sie war keine Zeit zur That, denn es war nichts zu thun. Verketzert! und damit glaubten sie den Strom der Zeit zu hemmen; schließet aus! dann glaubten sie die Gesammtheit erhalten, gerettet! — Inzwischen stellte sich der Widerspruch zwischen der erhabenen, göttlichen Lehre Israels und der kleinlichen Auffassung derselben, zwischen dem beseligenden und versittlichenden Geiste der Offenbarung und der tristen, tobten Deutung derselben immer klarer, immer anschaulicher heraus, lund wurde die Nothwendigkeit eines Zurückgehens zu dieser Lehre, zur Erkenntniß ihres Geistes immer tiefer, immer allgemeiner gefühlt. Nun ist nicht zu leugnen, daß diesem Bedürfnisse nicht immer auf gleich zweckmäßige Weise, mit der nölhigen Rücksicht auf das Bestehende, mit umsichtiger Prüfung des zu Verlassenden und des Einzuführenden abgeholsen, daß oft, anstatt verbessert— zerstört, anstatt Uebereinstimmung — neuer Zwiespalt in Glauben und Leben gebracht wurde. Wir haben dieß zu beklagen, aber dürfen nicht die Motive zu jenem Jrrthume beklagen, dürfen nicht den Willen, die Absicht derer verdächtigen, die in ihrem Streben irrten, in den Mitteln sich versahen; auffallend aber ist diese Erscheinung nicht, wenn wir bedenken, daß bei jedem Uebergange aus einer Zeit in eine andere Jrrthum unmöglich vermieden und das Unfehlbare alsbald gefunden werden kann. Doch so viel ist gewiß, selbst in ihrer Verirrung beweisen die einzelnen Neuerungen lebendige Ueberzeugung, frommen Sinn, frischen Glauben. Und eben so gewiß ist, daß die Männer, die zur Pflege des Gottesbaumes, der Religion, berufen waren, sich darüber nicht mehr täuschen konnten, daß das Bedürfnis besserer, zeitgemäßer Formen für das religiöse Leben, für den Kultus, somit entsprechendere Pflege der Religion überhaupt, nicht blos die Neuerungssucht einiger Weniger war, und daß, wenn diese billige Forderung der Zeit nicht befriedigt wurde, sie ihr Recht sich nehmen, und wol gar sich an ihren Gegnern rächen würde. Was that der Stabilismus bei dieser neuen Wahrnehmung? Während beim ersten schärferen Hervorkreten der Parteien die der Rabbiner eine Gefahr nicht

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