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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-02-05 · Heft 6 (5.2.1842) · p. Seite 79

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 6 (5.2.1842)
Date
1842-02-05
Page
Seite 79 (sequence 11)
Language
German
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79 Der Verf. will zuvörderst Nachweisen, daß der Streit in der Gebetbuchs-Angelegenheit „kein anderer ist, als der allgemeine zwischen den beiden sich langst entgegenstehenden doppelten Ansichten von dem Judenthum überhaupt: ob nämlich dieses ein stillstehendes — stabiles, oder lebendiges — organisch sich fortbildendes sei. Es gab eine Zeit im Judenthume, in welcher diese Fragen ziemlich muffig waren. Wir meinen die traurigen Jahrhunderte, in welchen es für die Juden keine Geschichte gab, in welchen der Wechsel der Zeiten sie nicht traf, nicht berührte, und ihre Religion das Eine und einzige Feld war, das sie kümmerlich bebaueten, das Eine, das ihnen für alles Fehlende allen Ersatz geben mußte. Da wurde von selbst diese Religion stabil; die Uebung der Religkonsgebrauche vererbte sich vom Baker auf Sohn und Enkel, — ein theures Erbe, weil ein altes; an die Auffassung, an eine Auffassung der Gebrauche überhaupt wurde nicht gedacht, konnte nicht gedacht, ihre Bedeutung für das Leben nicht in Frage gestellt werden, und sie genügten, auch in der todten Uebung, denn ein Todtes war auch das Leben der Uebenden. Solches Verkümmern gewahren wir, wie im äußern, so im religiösen Leben der Juden Jahrhunderte lang. Aber erscheint uns auch jenes beklagenswerth, dieses gewinnt auch für den spateren Beschauer eine ehrwürdige Seite. Die Religion in ihrer äußeren Erscheinung entsprach dem Leben ihrer Bekenner: für die Trauer der Gegenwart — die schauerlichen Klagen über die Gegenwart, gegen das Verhöhnen ihrer religiösen Gebräuche — ein festeres Anschließen an diese Gebräuche; ausgcstoßen von jedem Volke, — ihre H offnung, einst, bald ein selbstständiges Volk zu werden; für die Pracht der herrschenden Culte, gegenüber von den, in die elendesten Winkel der Städte zurückgedrängten jüdischen Gotteshäusern,— der Gedanke an die einstige Herstellung des glanzvollen Opferdienstes; und diese Ansichten in ihren Gebeten, in allen Reli'gionsschciften aus jener Zeit. — gedrungen haben, daß wir in den „literarischen Nachrichten" gern aus Broschüren gerade, die meist nur ein ephemeres Leben und nicht allseitige Verbreitung haben, interessante, längerer Aufbewahrung würdige Stellen herausnehmen. D. Redakt. Wir erwarten aus jener Epoche kein freies religiöses Leben, keine lebendige Fortbildung desselben,— es würde uns dieß als ein auffallender, unglückseliger Wioerspruch erscheinen, wie ihn die gütige Vorsehung unter ihren Kindern nicht sich gestalten läßt. Eine Glaubensgemeinde, zerstreut in aller Herren Länder, der Laune des Fürsten, des Bischofs, der Wuth des Pöbels, dem Hohne und der Verachtung Aller preisgegeben — und diese Gemeinde und diese Unglücklichen über ihr Unglück denkend, an eine innere Verbesserung ihrer Lage arbeitend, — welch ein unvereinbarer Gegensatz! — Eine dumpfe Klage in Aller Brust, Ein düsterer Geist in Atter Gebet, Eine Hoffnung in Aller Seele, — Stolz auf die Abstammung vom Gottesvolke gegen den Hohn der barbarischen Zeit, uncrmüdete Uebung der Religionsgebräuche, die einzige Frucht vom Baume des Lebens, die sie pflücken durften: also ist das Bild der Juden aus dem Mittelalter; kein freundliches zwar, doch kein abstoßendes. Ein Zustand war ihre Religion — ein Zustand blos ihr Leben. Da erscheint der Stabilismus in seiner Zeit, in seiner Geltung. Und wenn von der Glaubensinnigkeit und Einigkeit jener Zeit die Rede ist, so werden wir (ohne kleinlich um Worte zu grübeln) wahrlich nicht die Letzten sein, die in dieses Lob einsti'mmen, und, wenn auch nicht jene Zeiten, so doch gleiche Wahrheit zwischen Leben und Glauben auch für uns zurückwünschen. Allein so wenig als die äußeren Verhältnisse der Juden, so wenig konnten alle religiösen und für religiös geltenden Ansichten die unwandelbaren bleiben. Der bessere Geist der Zeiten, wie er mehr oder minder, so wie über alle Fragen, als auch über die äußere Stellung der Juden sich auszugießen begann, mußte auch in ihrer eigenen Mitte die eigensten Fragen anregen und beleuchten. Mit dem Erschließen der Quellen des Geisteslebens der Völker auch für die Juden, mit dem ersten Schritte zur Hebung des rechtslosen Zustandes derselben, mit dem ersten Augenblicke fast, der ihnen vergönnt war zur Erholung von Jahrhunderte langer Qual, erwachte unter ihnen der Wunsch, das Streben, das religiöse und geistige Leben aus seiner Stagnation aufzurütteln, Religio« und Leben in den natürlichen Einklang zu bringen. Die Frage nach der Auffassung des Judenthums war keine müssige mehr, sie gewann und hatte im Leben selbst ihre Bedeutung; und nicht

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