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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-01-29 · Heft 5 (29.1.1842) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 5 (29.1.1842)
Date
1842-01-29
Page
Seite 58 (sequence 6)
Language
German
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58 ©einigen? Liegt nicht jedem das Wohl des deutschen Vaterlandes und die Besserstellung seiner Glaubensgenossen in demselben weit näher? Und dieser so natürliche als gerechte und fromme Wunsch, zu dessen Realisirung wir unsrerseits beitragen können und sollen, sollte in unfern Gebeten nicht häufiger zur Aussprache kommen, als eine Erwartung, deren Erfüllung wir Gott allein überlassen müssen? ES ist aber Thatsache, daß viele unserer Zeitgenossen an eine einstige politische Restauration Israels gar nicht glauben, und nur in der Vereinigung aller Menschenstamme zur Anbetung des einigen Gottes in Wahrheit und Liebe die Erfüllung der messianischen Verheißungen erwarten: daß noch mehrere sonst würdige Israeliten es ohne Zweifel verschmähen würden, als Bürger eines israelitischen Reiches nach Palästina zurückzukehren; sollen sie nun dennoch verpflichtet sein, bei jeder Gelegenheit um Rückführung in jenes Land zu beten# In Beziehung auf diese reduzirt sich die Frage einfach darauf, ob das Gebet auch subjektive Wahrheit enthalten, d. h. ob der Betende in der Thal glauben und wünschen müsse, was er betet und bittet, oder nicht? Eine Frage, über die Niemand, dem die Wahrheit heilig ist, der einen wahrhaften Gott glaubt, einen Augenblick in Zweifel sein kann. In welchem Grade diese Forderung von unfern Alten gemacht, und welche Freiheit aus Wahrheitsliebe von ihnen zugestanden worden, mag folgende Thalmudstelle beweisen: Mose hat gesprochen, der große, mächtige und furchtbare Gott (5. B. M.1Ü. 17.); da kam Jirmijah und sprach: Barbaren zertrümmern seinen Tempel, wo offenbart sich nun seine Furchtbarkeit? Er sprach also nicht (im Gebete) „der Furchtbare" (Zer. 32.18). Es kam dann Daniel und sprach: Barbaren machen seine Kinder zu Sklaven, wo offenbart sich seine Macht? Er sprach also nicht (im Gebete) „der Mächtige" (Daniel 9. 4.), bis die Männer der großen Synagoge die alte Glorie wiederherstellten. Wie haben aber die Lehrer (Jirmijah u. Daniel) das gethan, und aufgehoben, was Mose eingeführt? Da j sagte Rabbi Elasar: Weil sie wußten vomHei-! ligen, gelobt sei er, daß er wahrhaft ist, (der Wahrheit Beifall giebt und die Lüge haßt jRaschij), darum haben sie ihm nicht gelogen (nicht gegen ihre subjektive -Ansicht gesprochen). Joma f. 69, b. Daß übrigens dasjenige, was uns naher liegt, wovon unsere Wohlfahrt in der Gegenwart abhängig ist, im Gebete den Vorzug haben soll vor entfernten, wenn auch ganz sichern Hoffnungen, können wir lernen aus dem Schreiben des Propheten (Zer. 29. 7.) an die Exulanten in Babylon, die er ermahnt, zu beten für das Wohl der Stadt, dahin sie Gott weggeführt hat, und in deren Wohl ihnen wohl sein wird, während sie die von ihm verkündete Erlösung Gott überlassen, und um sie erst beten sollen, wenn es Zeit sein wird. Der Priestersegen, die einzige mosaische Formel, in welchem weder des gelobten Landes (auf das doch in der mosaischen Lehre ein ungemeines Gewicht gelegt wird) noch eines andern speciellen Gutes erwähnt wird, dürste uns überhaupt lehren, daß wir unsere Wünsche lieber allgemein fassen sollen, das Einzelne der göttlichen Weisheit überlassend. Ich halte es sonach für Pflicht, das besprochene im ächten Geist des Judenthums den jetzigen Zeitbedürfnissen angepaßte Gebetbuch, in welchem die wenigen Veränderungen an den Hauptgebeten mit gewissenhafter Berücksichtigung des ursprünglichen Typus vorgenommen worden, jedem Israeliten zum Gebrauch bei seiner pslichtmäßigen Andacht zu empfehlen, und dem verehrlichen Tempelvereine hiemit meinen tiefgefühlten Dank auszudrücken, für dessen höchstverdienstliches Streben, unserer Liturgie mehr Lebensfrische und Wahrheit zu geben. Dieses Streben hat seinen segenreichen Erfolg schon zu sehr bewährt, als daß wir nicht wünschen sollten, daß es immer weiter dringe, und über falsche Frömmelei und Jndifferentismus den Sieg davon tragend, den Geist der Auferstehung zu höherer Gotteskraft und höherem Bewußtsein dem Judenthume zuwehe. Und müssen wir es bedauern, wenn an vielen Orten, ohne den Frieden und das Wohl der Gemeinde zu gefährden, den erkannten alten Gebrechen nicht abgeholfen werden kann, so ist es vollends betrübend, wenn da, wo das Bessere bereits festen Boden gewonnen und zur herrlichen Frucht herangereist ist, auf Kosten der Wahrheit und des Friedens dagegen angekämpft wird. Wahrlich sie, die die Zukunft Israels im Münde führend das Judenthum in Fesseln halten und mit mittelalterlichem Staub überschütten wollen, sie sind eS, die, so viel an ihnen liegt, dessen Zukunft tödten, dessen Auferstehung und Erlösung hintanhalten.

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