Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 52 (25.12.1841)
- Date
- 1841-12-25
- Page
- Seite 758 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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vnsrer Glaubensgenossen nie zu viele enthielt, dennoch aber sie alle die Schicksale erleben ließ, welchen sie in anderen Ländern, nur nachhaltiger, unterworfen waren. Dem Minderkundigcn wird dadurch der Charakter unsrer Geschichte in Europa recht anschaulich gemacht, und wir wählten daher das in der Ueberschrift genannte Land, wozu ein Aufsatz in der Revue orientale uns die Materialien an die Hand gab. Im gegenwärtigen Belgien mußten im Anfang des vierten Jahrhunderts Juden besonders in Tvngres und Tournai sich finden, weil diese Städte, an römischen Militärstraßen gelegen, einen Zufluß fremder Kaufleute an sich zogen, dem sie auch ihren Ursprung verdankten. Ihre Lage in dieser Gegend war glücklich, sie genossen das Bürgerrecht, sie nahmen an den gemeinsamen Rechten Theil, und die Gerichtshöfe behandelten sie wie die anderen Bürger. Der Einfall der Vandalen, eines wilden Volkes, das keine Idee von religiöser Duldung hatte, ließ die Hebräer nur die von politischen Umstürzen untrennbaren Nebel empfinden. Sie behielten ihre freie Kultusübung, und konnten sich wie früher dem Handel und der Industrie widmen. Erst gegen Ende des sechsten Jahrhunderts zwang Chilperich, den Gregoire von Tours den Nero der Franken nennt, seine jüdischen Unterthanen, Christen zu werden, hatte aber geringen Erfolg, die Israeliten blieben ihrem väterlichen Glauben treu. Die ersten Karolinger behandelten sie mit Milde, und die Unterstützung , die ihnen Pepin angedeihen ließ, zog viele Juden in seine Staaten; bis unter Karl dem Kahlen herrschte fast völlige Gleichheit unter Juden und Christen. Die immer mehr sich verbreitende Lehnsherrschaft machte diesem glücklichen Zustand ein Ende, auch Belgien zerriß in Grafschaften und Herzogthümer, denen die Juden eine willkommene Beute wurden: ihre Leiden wurden unsäglich. Führen wir nur ein Beispiel an. Oger, Graf von Hup, hatte unter seine Kriegsgefangnen einen der reichsten Israeliten aus Huy gefunden, der in Verdacht stand, den Einfall der Normannen in das Land von Lüttich begünstigt zu haben. Auf der Tortur ward ihm das Geständniß abgezwungen, und nun nicht allein dieser getödtet, sondern alle Hebräer aus der Stadt und Grafschaft verbannt, obgleich die Folgen sich fühlbar machten, da der blühende Handel der Stadt sofort verfiel. Blutige Spuren hinterließen die belgischen Kreuzfahrer in Lüttich, Gent, Brüssel, Mons. Als 112'j eine große Hungersnoth Flandern heimsuchte, schuldigte Karl I., der Großmüthige genannt, die Juden dessen an, und vertrieb sie aus seiner Grafschaft. Wenn auch im Allgemeinen der Klerus oft genug den Pöbel gegen die Juden, die er als Gottmörder verschrie, aufregte, so gab es doch unter den belgischen Priestern verschiedene, die anders gesinnt waren, so Wazon, Bischof von Lüttich, der sie mit Güte behandelte. Er war, nach dem Kanonikus Anselm, sehr vertraut mit dem Arzte des Kaisers Heinrich III., einem Juden, gewesen, der außer der Medizin auch im Gesetze Mosis sehr bewandert war. Eines Tages wettete dieser um einen seiner Finger, daß man ihn aus der heil. Schrift nicht widerlegen könne. Man erräth leicht, daß der jüdische Doktor geschlagen worden sein soll, und Anselm versichert, er habe seine Niederlage sogar eingestanden und den verlorenen Finger dargeboten, der Bischof aber sagte lächelnd, er vertraue ihn ihm an, bis er ihn fordern werde. Das dreizehnte Jahrhundert war günstiger für die Juden Belgiens, sie genossen ziemlicher Ruhe. Durch eine testamentarische Verfügung im Februar 1260 vertrieb Heinrich III. von Brabant nur die Juden, welche sich dem Wucher ergeben, die Anderen sollten frei in ihren Wohnungen verbleiben. Die belgischen Juden widmeten sich dem Handel, dem Studium, besonders der Medizin, die sie bekanntlich bei den Fürsten des Mittelalters überall ausübten. Aber die Erlaubniß des Handels und der Heilkunst wurde ihnen sehr theuer verkauft, und oft wurden die Früchte ihres Fleißes wieder eingezogen. Nach dem Tode Heinrichs hatte dessen Wittwe Alix Geld nöthig, und befrug den bekannten Thomas von Aquino, ob sie mit gutem Gewissen die Juden mit willkürlichen Steuern belegen könne. Derselbe antwortete unter Anderm: „Da die Juden wegen ihres Glaubens zu einer ewigen Knechtschaft verurtheilt sind, so können auch die Herren der Erde sich der Güter dieser Menschen wie ihrer eigenen bedienen, jedoch müssen sie es mit Maßen thun, so daß man den Juden nicht nimmt, was zu ihrer Existenz nöthig ist." — Jndeß fuhren die Juden fort