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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-12-18 · Heft 51 (18.12.1841) · p. Seite 744

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 51 (18.12.1841)
Date
1841-12-18
Page
Seite 744 (sequence 16)
Language
German
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744 Im zweiten Tempel wurde nach einer Notiz in Tarnid Abschn. 5. iiiit. nur gebetet: abi» 'ans, nm, as-vm:», dp, 'pann napa (ohne den spatern Zwischensatz!), v^pa und vib« tria. — Wersen wir nur einen Blick in die Talmudabschnitte, die am meisten über die Gebctfvrmeln handeln, z. B. veracdot, welche Beweglichkeit bemerken wir da, Feststellungen, die von der andern Seite aufgehoben und bestritten werden, Formeln, die längst wieder beseitigt sind, und die dieselbe Sanktion und Autorität für sich hätten, wie die wirklich angenommenen, Widersprüche der gefeiertsten Lehrer, selbst über die Grundformen unsrer Liturgie, z. B. das Verhältniß von Mussaf, Mincha ff. —. so daß wir darin ein anschauliches Bild eines Werdenden erblicken, das nicht von den konsequenten Gesetzen eines innern Lebens, sondern von den Verhältnissen der Zeit und den Ansichten Einzelner erzeugt wird. Allerdings entwickelte sich daraus mit der Zeit ein Bestimmtes, das sich mit dem Judenthume auf's innigste amalgamirte, so daß es aus demselben, ohne dessen Typus mannichsaltig zu verändern, nicht geschieden werden kann: iapa, dp, am Tage 2 'apa vorher, eine nachher, am Abend 2 vorher, 2 nachher, und sb mit ihren Variationen (s. Rambam Hilch. dp I, 5 ff. 'ban 11,2) Diese haben die Autoritäten für sich, welche eine Autonomie im Judenthume ausübten. Wie aber bald mitten zwischen diese feststehenden Formeln sich neue Gebete einschoben, ansetzten, wie die festgestellten Gebete immer mehr anschwollen, wie der Gebrauch eines Ortes oft zum Gesetz für alle ward, ist leicht abzusehen. So z. B. erklärt Rambam es für einen großen Jrrthum, wenn in einigen Gemeinden die Morgensegensprüche in der Synagoge gebetet werden hintereinander, während sie bei den einzelnen Vornahmen am Morgen gesprochen werden sollten, und bald geschah dies in allen Synagogen (Hilch. 'bar VII, 9.) So ward zu Rambam's Zeit nur in einigen Gemeinden des Morgens die nppa gesagt, in anderen iimip, in anderen beide, spater jedoch ward die erstere überall eingeführt. Demnach konnte es auch nicht anders geschehen, daß, als man die ursprünglichen Gebete zu vermehren begann, die Gebräuche sich lokalisirten und auseinanderfuhren, so daß nicht allein im Schvoße Zsrael's sich große darir» bildeten, die eben nur in den ursprünglichen Gebetformeln, und auch da nicht in der ganzen Abfassung") übereinstkmmen: es wurde auch niemals einzelnen Gemeinden verargt, besondere Gebräuche sich zu bilden, und so bieten z. B. Prag, Frankfurt am Main,-Metz, Syrier, Amsterdam, Avignon und unzählige Andere viele Verschiedenheiten dar, die hinlänglich beweisen, daß das Judenthum, außer den von der ältesten Zeit her festgestellten Gebetformeln, einer freien Bewegung im Gebete immerfort huldigte, die im Annehmen oder Zurückweisen von Gebeten *) **) sich selbst bestimmen konnte. Es ist aber ein schon von der heil. Schrift tief begründetes Element des Judenthums, daß seine Bekenner immerfort in der Anerkenntniß des einigen Gottes und seiner Offenbarung sich bewegen, und sein Verhältniß hierzu durch Ceremome und Aussprache kund thun sollen. Deshalb ist das jüdische Gebet nicht bloß, solches im eigentlichen Sinn d;s Wortes, sondern theils Bekenntniß seiner Religionswahrheiten, theils Bitte aus dem Bewußtsein Jsrael's als Ganzes heraus, theils Ausdruck des Individuums. Das Bekenntniß unsrer Religionswahrheiten und die Bitte Jsrael's als Ganzes sind nun gerade in jenen oben bezeichneten Grundgebeten niedergelegt. Hieraus ergiebt sich, welches der richtige Grundsatz in Bezug auf Stabilität oder Veränderung in den Gebeten ist: jene Grundgebete, in denen das Bekenntniß und die Bitte Jsrael's als Ganzes enthalten sind, müssen festbewahret bleiben, sie sind der Ausdruck Jsrael's als einer positiven Konfession; hingegen muß der Ausdruck des Individuums als solches frei und den Bedürfnissen der Zeit, d. i. der persönlichen Wahrheit hingegeb'en sein, wenn er nicht zur Lüge werden soll. *) Bietet doch selbst das alte piap mMK in portugiesischem und deutschem Ritus verschiedene Formeln, ebenso ira^avPi, besonders an Sabbaten und Festtagen, bstpi»'’ PiL fehlt, die ssis hat verschiedene Formeln ff. **) Während der polnische und deutsche Minhag sich von den Peitanim beherrschen ließ, so daß nicht einmal ein Festabendgebet ohne hagadisch - kabbalistische Reimereien verrichtet werden konnte, beugte sich der portugiesische Minhag niemals unter dieses Joch.

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