Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1841)
- Date
- 1841-11-13
- Page
- Seite 662 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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662 scheiden warm, d. h. ihre Religion, also ihre Existenz verloren hatten? Nun sucht man sie noch heute, aber ihre Spuren sind schon Jahrhunderte verwischt; bisweilen glaubt man sie zu erblicken, aber es sind Nebelgestalten, sie sind ein geschichtliches Gespenst geworden, an das man.längst vergessen hätte, wenn nicht sein ganz körperlich bestehender Bruder, Juda, die Sage und die Frage erhielte. Wird man nicht einst auch unter den emanzipirten Juden nach diesen suchen, und vergebens, sie werden verschwunden sein, die Juden des westlichen Europa's, da sie für ihre bürgerliche Wohlfahrt ein Stück ihrer Religion nach dem andern ausgaben. — Ich will hiermit die Frage der Reform gar nicht berührt haben, denn der sind meine frauenzimmerlichen Kräfte gar nicht gewachsen, um so mehr da sic von bedeutendsten Männern nicht entschieden beantwortet werden kann. Ich sehe nur auf die Richtung der jüngeren Geschlechter. Da handelt es sich nicht mehr um Speisegesetz, der Sabbat gilt eben so wenig; nicht um den zweiten Festtag, der erste wird eben so wenig berücksichtigt; nicht um die täglichen Gebete, alle kirchliche Theilnahme reduzirt sich auf nichts; nicht um den Talmud, die Bibel ist ihnen ebensowenig. Der Vorwand, das jetzige Geschäftsleben gestattet die Observanz nicht mehr, ist auch eitel, denn Observanzen, die Keinem schaden, und das Bewußtsein der Religion beleben würden, werden auch nicht beobachtet. Endlich flüchten sie sich in die Idee und Moral des Judenthums, aber ich sehe nicht, daß die Leute ehrlicher, uneigennütziger, keuscher, tugendhafter geworden, höchstens haben sie etwas Eleganz, ziemlich viel Aufschneiderei, und außerordentlich viel Scham über ihre Religion und Abstammung gewonnen, daß der Name „Jude" wie der Ausbruch eines Vulkans auf sie wirkt. Sehen Sie, wenn Sie auf der einen Seite mich eine Schwärmerin nennen werden, so müssen 'Sie mir doch diese Thatsachen zugestehen, die man mit Händen greifen kann. Am lächerlichsten sind mir Leute, die Sabbat, Jom Kippur, Wort Gottes und so fort in denMind schlagen, dann noch von der Idee des Judenthums, ihrer Begeisterung und Anhänglichkeit für diese radomontiren. Und so werden Sie es mir nicht verargen, wenn diest Gottlosigkeit, dieser Abfall vom Judenthume, denn so muß ich es doch nennen, sich mit der ersehnten Emanzipation in meinen Gedanken associrt, und ich vor letzterer ein gewisses' „Grauen" empfinde. Diejenigen, welche glauben, eine Masse von Millionen werde an zwei oder drei mageren Gedanken, die noch dazu die Gegenpart sich auch vindizirt, anhänglich bleiben, irren gewiß, und um sie zu enttäuschen, mögen sie hingehen, und eine Anzahl Juden fragen, auf's Gewissen fragen, was sie in ihrem väterlichen Glauben erhält — die wenigsten werden mit jenen Paar Sätzen antworten." Ich gestehe, daß nach diesen „ mit Begeistrung und tiefer Ironie gesprochenen Worten des herrlichen Mädchens eine Pause in unserm Gespräche eintrat. Wir beiden Männer fühlten, daß hier mit Floskeln und Phrasen nicht zu begegnen sei, sonders das aus' tiefem Gemüthe Entquollene ebenso ausgefaßt und beantwortet sein wolle. Die Sonne stand am Rande des Horizontes, und warf glühendrothe Strahlen auf die Gipfel der Bäume und in die Scheiben des Hauses, ihren Untergang selbst verherrlichend; aber im Osten war schon der Mond aufgestiegen, und versprach, bald seinerseits die Wellen des Sees mit Silberstrahlen zu furchen. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzeu. Mitte August 1841. Bemerkungen gegen die in Betreff des jüd. Schulwesens in Baiern geäußerten Bedenken und Wünsche in dem, No. 24. erschienenen Aufsatze: „Ueber die religiösen und bürgerlichen Verhältnisse der baierischen Israeliten." (Schluß.) Jener Korrespondent beklagt sich über die Ungleichförmigkeit der Lehrbücher, und wünscht Ein Lehrbuch für alle Schulen. Wir aber behaupten, daß gerade hierin das Heil für die religiöse Bildung unserer Glaubensgenossen liegt, daß nicht aller und jeder Unterricht nach einem Lehrbuch abgedroschen werden müsse und der Geist sich freier bewegen könne. Wir wenden hierauf jene bekannten liberalen kalmudischen Worte an nd« D^n üybtn r- Mag die Form sein, wie sie wolle, wenn sie nur der Zeit entspricht, der tüchtige