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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-11-06 · Heft 45 (6.11.1841) · p. Seite 638

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 45 (6.11.1841)
Date
1841-11-06
Page
Seite 638 (sequence 2)
Language
German
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688 und mit innerer Wehmuth muß man antworten: ein bedeutender Theil von Groß bis Klein fofistizirt über alte Schriften, deren juridischer Inhalt sich schon längst überlebt hat, oder schwärmt in den Träumen einer, zu einem Judenstaat das Weltall umschaffenden Kabbala, ein Anderer lauert auf Gewinnst, mit allen dem Kleinhandel anklebenden Listen, oder befällt in ganzen Faktoren-Pelotons jeden Vorbeigehenden; viele auch fristen ihr elendes Dasein mit der Beute, die ihr drohender Delationsgeist manchen bisweilen ungesetzlich lebenden Brüdern für das versprochene Stillschweigen abzwingt, und nur ein kleiner Theil ist in so manchem nützlichen Gewerbe beschäftigt. — ' Nicht aus der Religion, die sie bekennen, kann der Ausfluß jener Entartung, jener Geistesverdunkelung, jener Beschränktheit herrühren, denn nicht nur tausend schöne Grundsätze derselben predigen gegen jene Abwege, sondern auch die Fortschritte der Israeliten in andern Ländern, trotz ihrem festen Hangen an derselben Religion, strafen jene Anschuldigung Lügen. Nein! das einzige Grab aller Menschenwürde, die wahre Ursache des allgemeinen Uebels der hiesigen Israeliten liegt in der völlig verkehrten Erziehung, die der Kindheit und Jugend dieses Volkes von unwissenden Lehrern zu Theil wird, — eine Erziehung die der, seinem Berufe noch minder gewachsene Rabbine beim mündigen Volke, durch seine Zeit - und Zweckwidrige, dem Chassidismus huldigende Predigten, zur völligen Verunstaltung vollendet. — (Hier beginnt eine genaue Schilderung des jüdischen Schulunterrichts, der Erbauungen, durch die predigenden chassidischen Rabbinen, sammt allen den daraus herrührenden Verschraubungen des jüdischen Charakters in Rußland, mit Ausnahme der Echtfrommen und Gutdenkenden.) Mit strengem Ernste aber erheischt es die Gerechtigkeit diese, den hiesigen Israeliten größtentheils durch die Erziehung, nicht minder auch durch die während achtzehn Jahrhunderte an ihnen verübten Tücken eines bösen Geschicks anklebenden Nationalfehler, weder dem ihnen eingeborenen Charakter, noch dem Glauben, dem sic anhängen, zur Last zu legen.— Denn was auch Böses Feinde ihnen nachsagen, so wird Jeder, der nur einigermaßen den inner» Bezirk ihres Lebens durchzudringen im Stande war, von freien Stücken einräumen müssen, daß sie da einen reichen Fond von Tugenden entwickeln, die nicht genug gepriesen werden können. — Wo findet man eine größere Frugalität, eine größere Herrschaft über die Verlockungen modernisirter Bedürfnisse, eine weisere Beschränkung des heutigen zum Vortheil des morgenden Tages, als im häuslichen Kreise des Juden? — Außer der etwas schmackhafter zugerichteten Tafel, die sie dem uralten Genius des Sabbats zu Ehren bereiten, wird die ganze Woche vom Reichsten selbst, mit der geringsten Kost vorlieb genommen; was auch glühende Sonnen reifen, was schönere Zonen uns senden, der Wohlbegüterte sogar unter diesem Volke, würde es für sündlich halten, damit dem Magen zu stöhnen, den er mit dem ersten besten Landesprodukt beschwichtigen kann, das der Herr reichlich, vor dem Mäßigen überall aufgetischet! Mögen die Kelter noch so sehr vom Ueberflusse schäumen, nur dem Herrn der Welt wird vom Ueberausvermögenden, an geheiligten FHtagen mit dem Blute der Traube geopfert! zum Alltagsgebrauche wird dieser Trank nie profanisirt. — Wo findet man im Allgemeinen die patriarchalische Ehrfurcht vor den Aeltern. heiliger beobachtet als von diesem Volke? wo die Aelternliebe zu den größten Opfern geneigter als im Herzen des Juden? Mit einer Wollust opfert die Mutter der aufblühenden Tochter bei der Ausstattung ihren Schmuck hin, an dem hoch ihr Herz nach orientalischer Weise so kindisch nachhängt, und der Vater, trotz der gerechten Würdigung des Geldes, als des einzigen Auszeichnungsmittels seines Volkes, da alle andere Auszeichnungen ihm versagt sind, trotz dieser Würdigung leert er oft bis auf den Grund seinen Sockel um nur dem lieben Kinde eine günstigere Zukunft zu sichern. . Und wo findet man die heilige Gluth für Religion mit völliger Hintansetzung der Erde und ihrer Güter in solcher Kraft wie bei den Juden? immer und immer leuchtet ihnen der Sinai, von den Himmelsfeuern der Gesetzgebung umgluthet! immer und immer sind sie bereit, dem Gott der Väter mit dem Leben zu opfern! immer und immer blühet das ganze wundervolle Alterthum ihrer Ahnen in ihrem Gemüthe fort! und wie einen aus .der Hölle Verlaufenen sehen sie den Klügler an, der sich an ihr

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