Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1841)
- Date
- 1841-10-30
- Page
- Seite 635 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225218--03909-3313474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
635 berufe möglich ist. Von der andern Seite wieder nichts weiter als eine Allgemeinbildung von ihm verlangen, hieße der Außenseite das innere Leben opfern, den Kern für die Schale hingeben, damit diese dem Beschauer glänzend in die Auge siele, eine vergoldete taube Nuß. Also jüdisch-theologische Gelehrsamkeit muß dem jüd. Geistlichen zu Gebote stehen, sein Element sein. Hier aber ist es, wo der tobte Buchstabe vom lebendigen Geiste zu unterscheiden ist. Wie das Judenthum zum Leben erwacht ist, so muß die jüdische Theologie, das theologische Wissen im Eeistlichen lebendig fein, und eine todte Aufhäufung des Materials könnte hier am wenigsten nützen. Ich möchte daher meinen, die theologische Gelehrsamkeit des jüdischen Geistlichen muß zwieartig geädert sein. Erstens der Jetztzeit angemessen, und dann historisch geordnet. In ersterer Beziehung ist es nicht zu verkennen, daß die Exegese das Uebergewicht über die Halacha bekommen. Letzterer unerschöpfliche Tiefe zu durchmessen kann in den meisten Theilen Europa's nicht mehr Aufgabe des jüd. Geistlichen sein, da es ihm eher unbrauchbarer als befähigter machen würde. Die Exegese aber muß er überall und in bedeutendem Umfange zu handhaben verstehen. In der zweiten Beziehung muß der jüd. Geistliche sein Wissen historisch geordnet haben, das Ganze wie die einzelnen Theile seiner Theologie müssen ihm in ihrer geschichtlichen Entwicklung gegenwärtig sein. Denn dadurch allein wird er über die Partheiung erhaben sein; er wird dem Orthodoxen zeigen können, wie das, was er mit Eigensinn vertheidigt, ein Ge-; wordnes ist, und dem Reformer, wie das, was er mit Leichtsinn verwirft, eine wesentliche Geltung im historischen Judenthum sich erworben, und eine Wur-! zel desselben geworden ist. —- Allerdings bin -ich bei dieser Skizze, Deiner Klage über das Zuviel solcher Anforderungen nicht aus dem Wege gegangen. Allein ich komme auch hier darauf zurück, daß bei Uebergangen und Entfaltungen auf Entfernthalten aller Unordnungen und Unmaßgablichkeiten nicht Anspruch gemacht werden darf. Das Bedürfniß ist groß, also auch die Anforderung. Ich gebe Dir gerne zu, daß somit der jüdische Geistliche erst am Anfang steht, wenn z. B. der protestantische schon fertig ist. Allein besser so, die Aufgabe des Lebens ist mit den Universitätsjahren nicht gelöst, mit einer Pfarrstelle nicht zu Ende. Und dannwird mit der Zeit Gradation j und Abscheidung auch kommen, daß eine Gemeinde von zwei Dutzend Familien mit einem Gehalte wie für den untersten Commis eines mäßigen Handelshauses nicht dieselben Anforderungen macht an ihren Candidaten, wie an einen Oberlandrabbinen. Am Ende aber hat man ja nicht bloß den Menschen, sondern auch sich selbst zu genügen. Jede Minorität muß, um ihre Existenz zu rechtfertigen, Höheres leisten, als die Majorität, die sich schon durch ihre Zahl rechtfertigt. Um wie viel mehr derjenige, welcher sich der Vertretung dieser Minorität nach außen und innen unterzogen hat. Unter diesen Gesprächen waren wir zum Hause meines Freundes gelangt, und sein liebenswürdiger Familienkreis umringte uns mit Freude und Würde. (Fvrtsetzung'folgt.) Anzeiger. In demselben werden Annoncen aller Art gegen 1-^Ngr. (1 gGr.) Gebühren füx die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raum sowie literarische merkantile u. a. Beilagen ausgenommen. Die Berlagshandlung. Verspätet. Wir erlauben uns hiermit, dem Herrn Samuel Löb Wolfs aus Berlin, der uns bei seiner neulichen Anwesenheit dahier auf eine höchst sinnige Weise mit einem überaus werth- und geschmackvollen Geschenke zur Schmückung der heiligen Tora (bestehend in: , 2°° , SB iB"ip ,'bs) überraschte, unfern innigsten Dank öffentlich auszusprechen und glauben nicht, daß wir dadurch der Bescheidenheit dieses edlen Mannes zu nahe getreten sind. Möge fein frommes Beispiel nicht unbelohnt bleiben und Nachahmung finden in Israel! Sondershausen, im September 1841. Der Vorstand der hiesigen israel. Gemeinde.