Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1841)
- Date
- 1841-10-02
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225214--03842-3313403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
572 Um Mitternacht ging der Mond bleich vom Horizonte aus, und legte ein falbes Licht auf die Steppe. Horch! da schallte Hundegebell von.Weitem her. Sollte es ein einsames Gehöft sein, in welchem der tteue Wächter angeschlagen? Nein, es kam näher. Jetzt unterschied sie auch den Schlag von Pferdehufen. Es war eine Jagd, die windesschnell herraste. Wer jagt wol um Mitternacht, und wem gilt da die Jagd? Todesschauern durchrieselten das schutzlose Mädchen, ihre Knieen brachen zusammen, sie konnte kaum von der Stelle. Aber das Hundegebell und das Rossestampsen kam näher, daher, von wannen sie gekommen. Es ward ihr gewiß: man jagte ihr nach. Sie'rafft sich auf, und mit der Schnelle des Reh's eilt sie querfeldein über den graslosen Boden der Steppe. Eine Hügelkette nimmt fie auf, sie steigt auf und nieder, bald rechts, bald links, dann wieder eine Strecke zurück und seitwärts, um ihre Verfolger irre zu führen. Der Instinkt lehrt sie das Rechte. Sie watet ein Bächlein durch und entlang, und steigt weit ab an's Ufer hin. Da entdeckt sie eine Höhle,. die dunkel ihr entgegengähnt. Ob sie hineinflüchten solle? Ob Raubthier darin lagert? Sie hat keine Wahl, sie arbeitet sich durch - Gestrüpp, und sinkt ohnmächtig hin auf den feuchten Boden. Wo waren unterdeß ihre Verfolger? Sie vernimmt sie nicht mehr. Offenbar hatte man ihre Spur verloren. Eine Stunde vergeht) ohne daß ein Laut ihres klopfenden Herzens Schläge noch verdoppelte. Süße Hoffnung kehrte in ihre Brust zurück, ihre ermatteten Augenlieder sanken nieder, und der Tröster der Bedrängten, der Schlummer, stand zu ihren Häupten. Ihr träumte von großer Gefahr, Flammen umwogten die Höhle, wohin sie sich geflüchtet. Sie versperrten den Ausgang, und drangen leckend an den Wänden der Höhle empor. Da streckte eine Hand aus dem Flammenmeer sich ihr entgegen, sie erblickte ihren Vater, der ihr die Hand reichte, und in himmlischem Entzücken ihr zurief: „Komm, du bist gerettet!" In demselben Augenblicke faßte eine Hand ihre Rechte, und schüttelte sie aus. Sie erwachte, und sah — den Chan von Baktschi - Serai an ihrer Seite, und die Höhle von Fackeln erleuchtet. „Du hast es mir sauer gemacht, Mirjam, sprach er, aber ich habe dich doch nun!" Mirjam vermochte nicht zu antworten. „Als es Nacht geworden, fuhr er fort, klopften meine Leute an deine Hütte, aber Niemand öffnete, und Niemand war darinnen. Doch du hattest unvorsichtiger Weise das Hinterpförtchen offen gelassen, und, je kühner, je rasender dein Entschluß war, desto schneller leuchtete er mir ein. Meinst du, Mädchen, ein Jäger der Steppe wie ich, wüßte die Spur eines verscheuchten Reh's nicht zu finden? Bald schlugen meine Hunde an auf deiner Fährte, und sogleich eilten Hunderte von meinen Leuten nach der Richtung hin, die du genommen. Aber du hast, uns wacker suchen lassen, und so sicher ich war, dich zu finden, so viele Mühe kostete es doch, zum Ziele zn kommen. Unglückliche, steh' auf, und danke mir; niemals wärest du aus der Steppe wieder herausgekommen. Immer tiefer wärst du in sie gerathen, denn sie giebt solche Speise nicht wieder heraus, wie du bist. Wenn nicht das Gethier der Wüste dich zerrissen, hätte dich unerrettbar der Hunger getödtet. Also steh' auf, und folge mir!" Aber Mirjam vermochte nicht aufzustehen. Sie sank zusammen, als sie es versuchte. Da winkte der Chan, und bald hatte man eine Bahre gefertigt, auf die sich Mirjam niederließ. Vier rüstige Tartaren ergriffen die; Tragstangen', und der Zug setzte sich in Bewegung. Der Chan ritt neben ihr. Oester versuchte er, sie zum Reden zu bringen; aber Mirjam hatte ihr Haupt in ihr Gewand gehüllt, und antwortete nicht. Der alte Pallast der Tartarenchane hatte sie ausgenommen. In ein anmuthiges Kloset hatte man sie getragen, und auf einen Divan gelegt von schwellenden Polstern. Die Morgensonne hatte sich längst aufgemacht, und Mirjam's Blick gewahrte Wunder des Glanzes, der Pracht. Schwer von Seide hingen die Vorhänge herunter, persische Teppiche bedeckten den Boden, goldene Zierrathen bekleideten die Wände; durch das geöffnete jFenster drang süßer Duft seltener Pflanzen, die leise ihr den Willkommsgruß entgegenflüsterten von draußen; Springquellen glitzerten im Strahl der Sonne, und warfen ihre plätschernden Wellen in marmorne Becken; Vögel sangen in niegehörten Lauten ihr Morgenlied: Alles war Lust und Herrlichkeit, Solches hatte sie nie erträumt. Was wogte durch den Busen der Jungfrau! Die armselige väterliche Hütte, die grausen-