Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1841)
- Date
- 1841-10-02
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225214--03841-3313402- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
571 Dies ist das Interessanteste, was Benjamin über die Juden in seinem Reisewerke mittheilt, und gewiß bietet es ein sehr anschauliches Gemälde der Zerstreuung der Juden zu seiner Zeit. Zn den Anmerkungen und den zugefügten Abhandlungen wird höchst Schatzenswerthes gebeten, das aber weiter zu verfolgen, der Raum dieser Blatter nicht gestattet. Diese Ausgabe darf keinem Freunde der jüdischen Literatur fehlen, obgleich Vielen das Medium der englischen' Sprache die Benutzung erschweren wird. Eine deutsche Ausgabe wäre daher wünschenswerth, und würde dadurch Herr Asher seinen Verdiensten um Benjamin die Krone aufsetzen. Die Ausstattung ist kostbar. Belletristik. Die Jüdin und der Chan. (Eine karaitische Sage.) (Fortsetzung.) Mirjam stand, tief in ihren Schmerz versunken, am Todtenlager ihres Vaters. Der Knabe war hinausgeeilt, um einige Leute der Gemeinde zu holen, den Vater zu betrauern und zu beweinen. Sie hatte die letzten Worte des fremden Arztes vernommen, sie wußte, daß es der Chan selbst gewesen, in dessen Hand ihr Leben,.ihr Schicksal stand. Und welche Gewalt ihn beherrsche, hatte sie aus seinen brennenden Augen längst wahrgenommen, wie sie auf ihr hafteten, wie sie sie verfolgten. Sie fühlte sich unendlich schwach, den allmächtigen Schlägen des Geschicks gegenüber, denen sie sogar nichts entgegenzusetzen hatte. Fremdling, so fühlt sich das schutzlose Lamm, wenn der Geier in immer näheren Kreisen über ihm schwebt; so zittert das Vögelein, wenn die funkelnden Augen der Schlange es anblikken, ihp giftiger Hauch es berührt. Sie wollte vergehen vor Zaghaftigkeit, und ihre Glieder .zitterten wie von Fieberschauer. Da fiel ihr Blick auf einen hebräischen Spruch, der über dem Lager ihres Vaters auf die Wand geschrieben war, denn wir Karäer lieben es, die Wände unsrer Hütten mit Worten Gottes zu be« schreiben, wie du es gesehen haben wirst. Adonai, hu Haelohim, Adonai hu haelohim! „Der Ewige, er ist Gott!" Dies hatte der fromme Alte da ausgeschrieben, wohin sein letzter Blick am Abend, der erste am Morgen fiel. Seine verzweifelnde Tochter las sie, ihr kam die Erinnerung, wie der schwergeprüfte Vater diese so oft, laut oder leise, von seinen Lippen hatte gleiten lassen, und wie ein Gruß des Friedens kamen sie in ihr Herz, und stärkten sie. Wohlan, sprach sie zu sich selbst, um des Ewigen willen, der Gott ist, will ich dich nicht scheuen, der du nur Chan bist, und der Herr des Himmels soll und wird den Sieg davon tragen. Sie überlegte, was sie zu thun habe, und entschloß sich endlich, durch die Steppe zu fliehen in eine Stadt des Nordens, wo eine unsrer Gemeinden hauste, und ein Bruder ihres Vaters lebte. Den Bruder wollte sie hier in die Lehre oder in Diensten geben bei einem mitleidigen Karäer. Ihr Entschluß stand fest, sie wußte, welchen Gefahren sie entgegen ging, aber lieber in der Hand des Herrn, als in der Gewalt der Menschen. Wol bemerkte sie, als der Leichenzug des Vaters in die Felsen hinunterzog, ihn zu bestatten, vermummte Leute um denselben schleichen, wol sah sie um ihre Hütte lauernde Männer zerstreut, so daß die Besorgniß ihr Herz mehr erfüllte, als die Trauer um den Begrabenen; aber ihre Seele stählte sich im Vertrauen auf den Höchsten, sie hatte schon Alles vorbereitet, sie sandte den Knaben fort zu seinem neuen Herrn, ohne ihn zu begleiten; und kaum war die Dämmerung auf die Erde gefallen, als sie, in ein dunkles Gewand gehüllt, daß sie im Dunkel nicht zu unterscheiden war, zu einem Hinterpförtchen entwischte, auf abgelegnen Wegen durch die Felsen schlich, und in die Steppe eindrang. Geheul der Wölfe und Schakale schlug an ihr Ohr durch die lautlose Oede, schwach zitterten die Sternlein an dem Himmel, unter welchem sich die Wolken jagten, der Nachtwind machte sich auf, und jagte den Sand der Steppe hinter ihre eilenden Schritte her. Aber sie gedachte des Ewigen, der Gott ist, und dessen Auge wach ist auch in der Nacht und über den Einsamen, und schritt unaufhaltsam weiter. Sie glaubte sich der höchsten Gefahr entronnen, und des Andern kümmerte sie sich nicht.