Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1841)
- Date
- 1841-09-04
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225210--03780-3313337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
514 mann's Brust wirken, in der dies zur Erkenntniß kommt! Wäre Jsrael's Bestimmung früher erfüllt gewesen, es hätte früher fallen müssen. Denn noch ist nie ein fauler Stamm auf seiner vermoderten Wurzel, noch ist nie ein todtes Gethier auf seinen Füßen stehen geblieben. Man will es uns aus den Händen winden, das alte Panier Jsrael's — man strengt alle Kräfte, man wendet alle Mittel an: es soll eine Zeit des Abfalls kommen! Man macht den Weg so leicht, bald soll unsre Religionslehre dasselbe lehren, bald die jenseitigen nicht das Gegentheil lehren, man schleift ab an einer, wie an der andern, damit die abgeschliffnen gleichen Aussehn's seien — nur damit wir, ehe wir es uns versehen, eine andere in der Hand haben, als die unsre. Ehemals war eine Zeit des Druckes: gegen diese haben wir Stand gehalten, wie Keiner mehr. Jetzt ist eine Zeit allgemeiner Gleichheit, und nun soll Ueberzeugung, Gesinnung, Ancrkenntniß auch allgemein gleich sein. Aber ist denn die Wahrheit schon anerkannt, und ist es gleich geworden, was als solche anerkannt wird? Ist es gleichgültig geworden, welcher Gott angebetet wird? Ist der Mensch so Automat geworden, daß er Nichts ist, als ein sein moralisches Uhrwerk, an welchem- Hunger und Ehrgeiz als die einzigen Gewichte hängen'?' Nur nicht bürgerliche Gleichheit, nur nicht soziale Gleichheit und der Bildung mit der Gleichheit des Bekenntnisses verwechselt!- Geschichte. 2 tut eie Abeles oder der Märtyrknabe. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden im 16. Jahrhundert. (Eingesandt.) Der folgende Bericht kann — weil es im Bereiche der Unmöglichkeit liegt — seinen Gegenstand, einen höchst interessanten Prozeß, nicht zur Entscheidung bringen, er ist ein für allemal dem Richterstuhl dessen überantwortet, der keinen Fehlschluß thut. Aber er eröffnet uns doch einen sehr Hellen Einblick in den Charakter der Zeit, in der er spielt, in die Verhältnisse der damaligen Juden und Christen zu einander. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, daß uns nur die Akten der Gegenpartei, der antijüdischen, vorliegen. Man erinnre sich, daß noch 67 Jahre später ein Protestant, weil er seinen Sohn getödtet habe, der zur katholischen Religion hat übergehen wollen, richterlichem Ausspruch gemäß, und vermöge einer Menge Zeugenaussagen mit de'm Rade hingerichtet wurde, und wenige Jahre darauf wurde er nach dem Ausspruche von 50Richtern für unschuldig erklärt — Jean Calas. In diesem Sinne legen wir unfern Lesern den Bericht vor, um in jeder Beziehung den düstern Geist von uns fern zu halten helfen, der über jene Zeit so oft Blut und Thränen brachte. Wir sehen, die Synagoge hatte sich immer zu vertheidigen — denn selbst in dem Falle der völligen Richtigkeit des folgenden Berichtes, sehen wir einen Vater, der seinen einzigen Sohn von dem Glauben seiner Väter sich losreißen sieht, und dem darob .der Wahnsinn in's zerrissene Vatcrherz steigt. Anm. der Redaktion. Zu dm Merkwürdigkeiten, die dem für Prags historische Denkmäler und Merkwürdigkeiten sich interessirenden Touristen gezeigt werden - gehört auch die auf dem großen altstädter Ring befindliche Teinkirche, in welcher, außer andern Monumenten, die Aufmerksamkeit des Beschauers auch auf das Grab eines jüdischen Knaben Namens Simon (Limeie) Abeles gelenkt wird, der schon frühzeitig sich die Märtyrkrone erworben, weil er angeblich wegen seiner Neigung zum Christenthum von seinem Vater, dem noch ein Gehilfe zur Seite gestanden sein soll, ex odio christiaaae fidei ums Leben gebracht worden ist. — Ich hielt durch lange Zeit die Sache für nichts anders, als für eine bloße Sage, die der Fanatismus eines finstern Jahrhunderts ersonnen, das Vorurtheil fortgepflanzt, und die Leichtgläubigkeit bis auf unsere Zeit erhalten hat. Bald aber überzeugte ich mich, daß mehr an der Sache sei als ich glaubte. Die hierüber geführte aktcnmaßig vorliegende und in ihren Hauptpunkten auch zur Oeffenllichkeit gebrachte Criminal-Untersuchung und Verhandlung, läßt an einer historischen Grundlage nicht