Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1841)
- Date
- 1841-09-04
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225210--03773-3313330- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
507 rootfen, ob ein so beschaffener Verein als Korporation und als der Repräsentant der Gesammtheit der breslauer Kaufleute betrachtet werden könne, oder ob nicht vorher auch die bis jetzt ausgeschlossene bedeutende Anzahl von Kaufleüten jüdischen Glaubens mit incorporirt sein müsse. Es wäre um der Ehre und Geltung der Kaufmannschaft selbst willen zu wünschen, daß das Letztere geschehe, und dadurch BreSlau endlich in den Besitz einer Börse, wie es einer so bedeutenden Handelsstadt ziemt, gelange." (Vom 15. Aug.) „In meiner vorigen Mittheilung (No.228) berichtete ich, daß die hiesige Kaufmannschaft durch ihren Beschluß, an den Empfangsfeierlichkeiten die jüdischen Kaufleute nicht Kheil nehmen zu lassen, sich selbst, ohne Wissen und Wollen, eine bedeutende Krisis bereitet habe. Die in gedachtem Schreiben erwähnte Frage, ob die Breslauer Kaufmannschaft in ihrer gegenwärtigen Gestaltung als Korporation und als Repräsentantin der Gesammtheit der hiesigen Kaufleute gelten dürfe, interessirt nicht blos den jüdischen Theil der Letzter», sondern die Breslauer Kaufleute insgesammt, und dürfte leicht zu einem Ziele führen, das die Regierung seit Jahrzehenden vergebens zu erreichen gestrebt hat. Folgendes sind die Details dieser auch für das Ausland nicht unwichtigen Angelegenheit. Sämmtliche Breslauer Kaufleute werden als solche in,zwei KlaHn getheilt: in (bei der Börse) „recipirte" und „nicht-recipirte." *Das von der Kaufmannschaft angefertigte Namensverzeichniß der hiesigen Kaüfleute für 1841 führt auf 16 Seiten die recipirten, und auf 26 Seiten als bloßen „Anhang" die nicht-recipirten Kaufleute auf, und die Namenzählung ergibt das bedeutende Misverhältniß, daß gegenwärtig in Breslau 256 bei der Börse recipirte und 553 nicht-recipirte Kaufleute sind. Von jenen 256 übrigens sind 35 „privatisirend" und 9 „in andern Handlungen beschäftigt," und müssen daher, gegenüber den nach der Gewerbesteuerrolle aufgeführten, also wirklich Handel treibenden und selbständigen nicht - recipirten Kaufleuten, in Abzug gebracht werden: es bleiben also nur 212 Recipirte neben 553 Nichtrecipirten; und es verhält sich demnach die sogenannte Breslauer Kaufmannschaft, die eben nur von recipirten Kaufleuten gebildet wird, zur Gesammtheit der Breslauer Kaufleute wie 2k2 zu 765! oder wie 1 zu 3~. Unter den erwähnten 553 Nicht-! recipirten nun sind zwei Arten, zu unterscheiden: solche nämlich, die nicht recipirt sein wollen: das sind christliche Kaufleute; und solche, die nach dem Grundsätze der Kaufmannschaft nicht recipirt werden können: dies sind sämmtliche Kaufleute jüdischen Glaubens. Es gibt aber laut des Verzeichnisses gegenwärtig in Breslau 249 nicht-recipirte christliche und 304 nicht-recipirte jüdische Kaufleute, also jene allein schon 37, diese allein gar 92 mehr als alle recipirte Kaufleute zusammengenommen. Hiernach zeigt sich ein'Zustand der Breslauer Kaufmannschaft, wie er in der merkantilischen Welt seines Gleichen nicht haben dürfte. Weniger oB. ein Drittheil von der Gesammtheit der gewerblich ganz gleich berechtigten Kaufleute betrachtet sich allein als die Gesammtheit, und 'die übrigen starken zwei Drittheile als bloßen „Anhang" zur Kaufmannschaft, - und schließt zugleich einen Theil der Gesammtheit, der allein schon die bedeutende Majorität von 92 vor ihm voraus hat, willkürlich von der corporativen Gemeinschaft aus. Dieser ungewöhnliche und unerfreuliche Zustand der hiesigen Kaufmannschaft ist die Frucht jener unglückseligen Maßregel, durch welche vor Jahren die Kaufmannsältesten dem von der Negierung vielfach und nachdrücklich unterstützten Gesuche der jüdischen Kaufleute um Recipirung an die Börse begegneten. Mit der Erklärung, daß die Breslauer Börse keine Börse im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern nur ein Rcssourcenlocal sei, und daß dieses Lokal zu kaufmännischen Geschäften (z. B. zur Schreibung der Kurszettel) „nur leihweise hergegeben werde," mit dieser am mildesten bezeichnet demüthigenden Erklärung war das Institut der Kaufmannschaft in seinen Grundfesten erschüttert, und der Verfall konnte nicht ausbleiben. Denn indem in der Kaufmannschaft die Ressourcenintercffen in den Vordergrund traten und die einzigen wesentlichen Gesammtinteressen der Recipirten wurden; indem statt der Pflege merkantilischer Angelegenheiten an der Börse Kränzchen und Bälle des Winters, und Gartenvergnügungen des Sommers als vorherrschende Aufgabe der Kaufmannschaft sich zeigten, wurde das Interesse auch der christlichen Kaufleute an dem Institut immer schwächer und schwächer. Während die Zahl der hiesigen Kaufleute überhaupt jährlich wuchs, nahm die Zahl der jährlsch Recipirten ab (in dem erwähnten Verzeichnisse finden sich aus dem Jahr