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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-08-28 · Heft 35 (28.8.1841) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 35 (28.8.1841)
Date
1841-08-28
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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503 ich nicht aufgehört habe, mich über Sie' lustig zu machen. Wie konnten Sie nur einen Augenblick glauben, daß die Gräfin Wilhelmine einen Juden, so unbekannt wie Sie, bei sich aufnehmen würde, wenn ein besonders gebietender Grund nicht vorham dm wäre? Hören Sie deshalb: vor einem Monate wurden hier in diesem Saale die Spiele und Scherze unsrer Jugend zurückgerufen, und wir amüsirten uns mit Pfänderspielen. Ich mußte dabei die Strafen austheilen, und so befahl ich, daß die Eigenthümerin des ersten Pfandes, welches an die Reihe kam, Abends allein auf den Boulevards der Stadt spazieren gehen, und sich vom ersten Spaziergänger, welchen sie träfe, nach Haus bringen lassen sollte. Ein unglückliches Ohngcfähr ließ auf mich die strenge Strafe fallen, da das erste Pfand mir gehörte. Man wettete nun 100 Dukaten, daß ich nicht den Muth! haben würde zu thun, was ich einer andern aufer-! legte, aber mein Stolz überwand die Furcht, ich be-! ging die Thorheit, die Strafe in Ausführung zu j bringen. Das Uebrige wissen Sie; ich ging eines j Abends auf den leeren Boulevards spazieren, und j erbat mir zitternd die Hilfe Ihrer Begleitung. Ich! muß gestehen, daß ich wol schlechter hätte ankommen : können, denn Sie waren ausnehmend höflich und i zuvorkommend, und so wollte ich Ihnen denn auch; eine Ehre erweisen, die man sonst Ihresgleichen nicht! bezeigt, indem ich Sie*zu meinem Gesellschaftstage; einlud. Nehmen Sie die 100 Dukaten als Salair, s und jetzt, wo wir quitt sind, vergessen Sie, mein Herr, daß ich Sie gewürdigt Ihnen meinen Arm zu geben, mit Ihnen zu sprechen, und Sie bei mir aufzunehmen. Leben Sie wohl!"! Bei den ersten Worten schien der Doktor nieder-! gedonnert, aber bald gab ihm das Gefühl beleidigter I Würde seine volle Festigkeit wieder. Er erhob das Haupt, warf einen bemitleidenden Blick auf die spottende Gesellschaft, und sich ruhig erhebend, nahm er vom Fortepiano das Album d.er Gräfin, und sprach mit edler Energie: „Als ich das erstemal Ihren dringenden Bitten nachgab und hieher kam, wußte ich recht wohl, daß mein Platz nicht unter diesem Flitterstaat, noch unter den jungen Brausewinden sei, die hier ihr Spiel treiben. Aber Sie wissen recht wohl, daß ich Irrenarzt bin, und eine heilige Pflicht veranlaßt mich vor keinem Opfer zurückzuweichen, wenn es daraus ankömmt, meine Ersahj rungen zu bereichern, die meinen Kranken heilsam sein könnten.' Seit Jahren bin ich beschäftigt Tag für Tag die Seelenkrankheiten der Armen zu studiren, noch war mir aber nicht vergönnt, von Angesicht zu.Angesicht die Zerstörungen zu beobachten, welche der Wahnwitz in der höhern Gesellschaft ausübt: da konnte ich bei Ihrer Einladung dem Wunsche nicht widerstehen, in Ihrem Salon diese Erfahrung zu sammeln. Sehen Sie her, was ich einschrieb, als ich zum erstenmal Ihren Salon betrat: Bei den meisten Frauen dient der Geist mehr dazu ihre Thorheiten zu verstärken als ihre Vernunft, aber man findet Mittel, um die Thorheit zu heilen, während man nichts findet, um die Verkehrtheit des Geistes wieder in Ordnung zu bringen." Diese beiden Gedanken wollen Sie in Erwägung ziehen, Madame, cs wird Ihnen dann klar sein, daß Sie von Ihrem Geiste und von Ihrer Stellung einen unwürdigen Gebrauch gemacht, und Sie werden einsehen, daß Ihr Geist nur dazu gedient hat, Ihre Thorheit zu verstärken, da Sie undankbar genug sein konnten, mich armen, waffenlosen Mann unvermuthet zu demüthigen, der nur darin schuldig ist, daß er Ihnen einen Dienst erwies, den er jedem schwachen Weibe schuldig ist. Ihre lächerlichen Vorurtheile gegen die Jude.n will ich nur berühren; Sie würden es nicht verstehen wollen und können, wenn ich Ihnen chas Gegentheil bewiese. Da ich auch nur Irrenarzt bin, würde ich bloß Zeit verlieren, Ihnen Vernunft zu predigen, denn: die Thorheit kann geheilt werden, aber die Verkehrtheit des Geistes nicht. Leben Sie wohl, Madame, genehmigen Sie die Versicherung meines Dankes für die Gelegenheit, welche Sie mir gegeben, in Ihren Salons den Wahnwitz zu studiren, jetzt kehre ich gern und lieber zu meinen Dachstuben zurück. Ich danke Ihnen ferner für die 100 Dukaten, welche ich einer armen Familienmutter zustellen werde, die in Folge eines' Milchsiebers irrsinnig geworden, und die vielleicht Ihr Allmosen heilen wird. Der Gott der Gnade, der Gott Jsrael's wird Ihnen Allen verzeihen, und Ihren Stolz entschuldigen, so wie zu Ehren Ihrer hohen Namen Ihre Herzen bessern, und Ihre Geister erleuchten!" Nach diesen Worten empfahl sich der Doktor frei und stolz; die Gesellschaft aber war beschämt und außer Haltung.

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