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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1841-08-28 · Heft 35 (28.8.1841) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
5 (1841)
Issue
Heft 35 (28.8.1841)
Date
1841-08-28
Page
Seite 502 (sequence 10)
Language
German
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502 seine Lieblingsforschungen über den menschlichen Wahnsinn zu verfolgen, den so viel als möglich zu ergründen und nachzuspüren er als Hauptzweck seines Lebens ansah. Da inzwischen die Dame bei ihrer Toilette länger verweilte, als er beim Trocknen und Denken, griff er nach einem Album, das er aus dem Fortepiano fand, und amüsirte sich die hochmüthigen und leeren Sprüche und Witze zu lesen, welche die gewöhnlichen Besucher dieser Gemächer darin eingeschrieben. Er fand darin falsche Ansichten, dumme Vorurtheile, und zu seinem Erstaunen Alle mit den höchsten Namen des Reiches unterzeichnet, was seine Gedanken trübe stimmte, und ein mitleidiges Lächeln auf seine Lippen rief. In diesem Augenblick hörte er in der Ferne ein dumpfes Geräusch von Worten durch unterdrücktes Lachen unterbrochen, er zuckte die Schultern, und schrieb noch schnell einige Zeilen in das Stammbuch; kaum fertig, führte ihn ein Kammerdiener zur Gebieterin des Hauses, die er in einem eleganten Zimmer, ko-, quctt gekleidet und von einer glänzenden Gesellschaft umgeben vorfand, wonach denn auch der Thee sogleich umhergereicht wurde. Wenn sich auch der Doktor in diesem steifen und höchsten Eirkel etwas unheimlich fühlte, so behielt er doch sein festes ruhiges Benehmen bei, ungeachtet seine Schützling'."., die sich ihm als Gräfin Wilhelmine vorstellte, als Pie stolzeste und reichste Dame des Reiches in der Stadt bekannt war. Beim Abschiede ersuchte ihn die Gräfin sie wieder zu besuchen, und ließ ihn in einem prachtvollen Wagen nach Hause fahren. Diese Begebenheit machte nicht wenig Aussehen in der Stadt, und unter den Juden besonders; diese, welche den armen Doktor bisher nach seinem innern Werthe nicht beurtheilt, begannen nunmehr ihn für einen einflußreichen Mann zu halten, während dieser selbst sich bescheiden seinen alten Studien ergab, und nach der sogenannten feinen Welt sich ebensowenig ferner Zutritt wünschte, den nur der Einfältige zur Befriedigung-eitlen Ehrgeizes erstrebt. Er setzte seine Besuche bei der Gräfin nicht fort. — Nach einiger Zeit gab jedoch die Gräfin einen großen Ball, und der Doktor erhielt in so verbindlichen Worten eine Einladung, daß er unhöflich gewesen, wenn er sie zurückgewiesen, und so finden wir ihn am Ballabend, schwarz gekleidet, im Hotel der schönen Gräfin, das seinen höchsten Glanz angethan. Lichtströme ergossen sich auf die kostbaren Meubles, Blumen und Pütz erfüllten die Säle, und bei der hinreißenden Musik eines Straußischen Walzers belebte sich die ganze Damenwelt, die ihre Liebenswürdigkeit entfaltete, um die Bewundrung der Herren zu fesseln, und sich gegenseitig an Grazie und Anmuth zu übertrcffen. Die schöne Gräfin bot schnippisch unserm Doktor den Arm zu einer Fran^oise, die er jedoch nicht annahm; dagegen mußte er die Langweile eines Whistes mit einem Gesandten und mit dem Kommandanten der Stadt durchspielen, wo er durch Würde und Anstand sich dennoch die Anerkennung seiner Mitspieler erwarb, ungeachtet er bei der Masse neuer Eindrücke seinem Spiele nicht volle Aufmerksamkeit widmete. Die Gesellschaft entfernte sich, die Vertrauteren des Hauses blieben, der Doktor nicht minder. Endlich ging man zu Tische; unser Doktor wurde in der Nähe der Gräfin placirt, man war heiter und jovial, denn der Wein belebte Witz und Laune, als ein junger Offizier sich erhob, die Gläser mit Champagner vollfüllen ließ, und folgenden Toast ausbrachte: „Hoch lebe die schöne Gräfin Wilhelmine! sie lebe hoch, daß sie die ihr auferlcgten Bedingungen erfüllt hat, wir sind besiegt und bieten ihr hiermit die 100 Dukaten dar, als den Belauf der Wette, welche sie gewonnen. Wir huldigen ihr, daß sie, um Wort zu halten, nicht vor der peinlichen Idee zurückgeschreckt, einen Juden in ihre Gesellschaft zu laden; sie lebe hoch!" Daraus entstand im Saale ein allgemeines Geschrei und Gelächter, der Champagner brauste, die Gläser erklangen, es war ein eignes Schauspiel zu sehen, wie der französische Wein den deutschen Unsinn erwärmte, und wie selbst Frauen der Gräfin und ihrer Kühnheit ein Lebehoch brachten. Salomon allein schwieg; eine todesähnliche Bläffe bedeckte seine Züge, seine Lippen bewegten sich zukkend, und seine Augen schienen Blitzstrahlen auszuwcrfen. Die Gräfin aber erhob sich nachlässig, und indem sie aus den Händen des jungen Offiziers die Börse mit 100 Dukaten nahm, neigte sie sich graziös vor der Gesellschaft, und ließ dann mit kalter, verachtender Miene folgende Worte hören: Doktor Salomon, für einen Arzt sind Sie nicht Physiognomiker genug, denn Sie haben nicht bemerkt, daß

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