Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1841)
- Date
- 1841-08-21
- Page
- Seite 485 (sequence 9)
- Language
- German
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485 aus fyat, ist nur .dieser vom Juden Jahrtausende lang zurückgestoßene, vernachlässigte klassische. Geist. Man wird es doch wol nun inne, daß durch die Nachäfferei des christlichen Kirchenthums wenig mehr Wahrheit in's Judenthum hineingebracht wurde, daß der Orgelklang und die jüdisch-deutschen Gesangbücher mit ihren flachen das Gemüth so wenig berührenden Dichtungen und Melodeien, wahrlich weder Früchte noch Wurzel einer Reformation sind, es ist ganz gleichgültig, ob die Lüge gesungen oder geschrieen wird, ob der Tempelbesucher am Versöhnungstage, kaum aus dem Comptoir getreten, honigsüß zu leiern anfängt: Der Tag erscheint, der Tag voll Freud und Bangen oder ob er. am ör seine — nmVö sagt und auf die Brust klopft, es ist ganz gleich, ob er mit der Orgel die tugendsamen Knabenlieder: Herr, nimmer will ich wanken (!) von heiliger Tugend Bahn, nur so kann ich dir danken, was du an mir gethan oder ob er die Jozerot in stürmischer Hast absolvirt. Bon beiden wird sein Gemüth gar wenig berührt, er sagt Lügen, Lügen! beide Formen sagen dem Menschen der neuern Zeit nicht mehr zu; der in's materielle Leben und Interesse eingeschnürte, der von Täuschungen umgebene Mensch will andere Hebel, um an seine Abhängigkeit vom höchsten Wesen gemahnt zu werden und wenn zwar nicht für das Bedürfniß eines jeden Individuums eine öffentliche religiöse Institution angepaßt werden kann, so darf sie doch nicht geradezu der Geschichte, dem Bildungsgänge und der Bildungsstufe einer Gesammtheit so sehr in allen ihren Bezügen widersprechen, wenn sie — und das ist ihr Zweck — wahres Heil und Segen bringen soll. Es ist wirklich traurig: in einer Zeit, die ganz in's Materielle versunken ist, bietet dem Juden seine Religion so wenig materielle Form, merkwürdige Erscheinung! ein seit Jahrtausenden vom jüdischen Glauben getragenes Gewand, in welchem das lebensvolle Herz geschlagen, hat endlich die Zeit allmählig aufgerieben, es soll abgestreist werden und kann es Wunder nehmen, wenn Viele nun gar zu modische Mäntel umhängen wollen, andere sich immer noch mit den alten Lumpen begnügen, weil — sie so.bequem sitzen und — Spielraum lassen. Aber nicht vergebens möchte man gekämpft haben, für sich selbst kann man wol resigniren, der aufblühenden Jugend, der Nachwelt möchte man wol Kämpfe wenigstens ersparen und möglichst Errungenes hinterlassen. Das waren eben die Abwege, auf welche die Aesthetik der neuern Zeit das Judenthum führte: es fehlte an Männern, welche das seit einem Jahrhundert stagnirende Judenthum nach und nach mit dem klassischen. Geiste versöhnten, ihn in seine Institutionen eindringen ließen; diejenigen, welche es gut meinten, dachten: es ist Alles gethan, wenn sie die geradej gegenwärtige Bildung und zwar die christliche Form, die sie zunächst fanden, mit Gewalt in Schule, Synagoge und Haus hineinbrachten und so zwei Produkte zusammenwarfen, die, aus ganz verschiedenem Boden entsprossen, sich heterogen einander gegenüber standen. Man wollte den Baum veredle», nicht durch Einsetzung des edlen Reises, sondern durch Anbinden der Früchte, zum Theil schon fauler Früchte, eines andern Stammes! Es sagte der Aesthetik der neuern Zeit nicht mehr zu, ohne alle wissenschaftliche Bildung zu bleiben, aber man fand dieselbe nur im französischen Geiste, die Schule wurde nur Vorbereitung zum bürgerlichen Leben und da dies sich meistentheils auf die merkantilische Sphäre beschränkte, so wurden anstatt der früher» kleinen Handelsjungva mit Band und Stecknadeln — Comtoristen gebildet, die Rechnen, Buchführen und Französisch verstanden, alles Klassische blieb, auch nur im Geiste, unbekannt und selbst die Naturwissenschaften, als dn trefflichsten Veredler des menschlichen Geistes und Gemüthes, blieben fern, der Religionsunterricht — Nebensache, auf alte Weise getrieben, oder mit neuen Katechismen und Religionsbüchern modernisirt. So war es, so ist es noch. In welcher Schule waltet die Begeistrung für den einigen Gott, für das Kernhafte des Glaubens Israels, für seine alten Schätze, für seine pragmatische Geschichte? in welcher Schule waren dies die Hebel, welche das jugendliche Gemüth heben, erheben sollten? welche Lehrer weisen der Jugend insbesondere ihre Bestimmung als israelitische Jugend an und zeigen ihr, klar und deutlich: das ist eure Aufgabe für Welt und Zeit für Dieffeit und Jenseits! das ist eure Stellung unter den Nationen der Welt als Israeliten! Ach, man will nur immer Menschen bilden, Menschen, die nicht stehlen und sich vor den Gesetzen fürchten und schreiben und le- 34»