Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1841)
- Date
- 1841-08-21
- Page
- Seite 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225173-3225208--03745-3313300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
481 keine bloße Unwahrheit; sondern vielmehr eine Unsittlichkeit, und eine verächtliche Niedrigkeit der Seele, die sich ihm wissend hingiebt, weßhalb denn auch im Allgemeinen das: Vorurtheile haben, eine Niedrigkeit des Menschen bezeichnet. Beiderlei Vorurtheile sind zwgr fast nie getrennt; aber an diesem Ort haben wir nur von der Art zu reden, die vom sittlichen Charakter ausgeht, und auf ihn zurückwirkt. Da es sich nun in mannigfacher Gestalt zeigt, so erlauben wir uns, es an einigen Beispielen näher zu betrachten. Reden wir zuerst vom religiösen Vorurtheile; dieß besteht darin, daß man das Wunderbare seiner Religion für wahr erklärt; das der andern für unwahr, ohne beide mit einander verglichen zu haben, oder zu vergleichen im Stande zu sein. Man erzählt von einem kanadischen Wilden, daß er einen Missionär dadurch beschämte, daß er diesem alle seine Wundererzählungen einräumte. Denn als der Wilde ein Gleiches vom Missionär verlangte und dieser eifrig des Wilden Erzählung für lügenhaft erklärte, sagte dieser: du bist ein schlechterzogener Mensch, daß du mir nicht Glauben schenkst, während ich doch dir geglaubt habe. Zn diesöm Falle war der Wilde zwar höflicher, allein doch noch mehr zu Vorurtheilen geneigt, als der Kultivirte; denn er ließ Jedes gelten. Dieß Vorurtheil hat denn wie bekannt, mehr Blut gekostet, als die übrigen zusammen, und das der erste Großinquisitor am Altäre desselben vergossen, schreit noch um Rache zum Himmel empor. Und sind nicht noch heute alle Spott- und Spitznamen in des Volkes Munde, die einst dazu geschaffen wurden, den Haß und die Verachtung auszudrücken, die eine Religionspartei gegen die Andere erfüllte? Sind die Schimpfnamen Ketzer, Klütje, Wedderdöper, Giaur rc. verschwunden? Ein böses, menschenfeindliches Vorurthejs zwar, allein nicht das älteste, nicht das verbreitetste. Es giebt ein uraltes, so'alt, daß man nach seinem Ursprünge vergebens forscht, und das ist das Vorurtheil der Rare. Dieß besteht in der Ueberzeugung, der Volksstamm zu dem man gehört, zeichne sich schon von Natur vor allen übrigen dergestalt aus, daß die andern alle tief unter ihm stehen und er im Vergleich mit jenen, das eigentliche Gepräge einer höheren menschlichen Natur empfangen habe. Dieß Vorurtheil besteht im Grunde in dem abscheu- ' lichen Wahne, daß ein Akt, der dem Menschen mit der gesummten Thierheit gemein ist, "wie in diesen dumpfen Geschlechtern, so auch in ihm, Vorzüge fvrtzupflanzen vermöge, die ihn vor allen Geschöpfen der Erde auszeichnen. In dem Wahne, daß gewisse menschliche Prärogative an eine Race gebunden seien, und sich durch Erhaltung der Reinheit dieser Race, wie bei Pferden und Hunden, forterbe. Dieß Vorurtheil setzt mithin den Menschen und sein Geistesleben bis zur Ehierheit herab, und findet sich da am ausgesprochensten, wo das Geistesleben der Völker, die Sittlichkeit, auf der tiefsten Stufe steht. In der ganzen Nation erzeugt dieß Vorurtheil Verachtung aller andern, und Fühllosigkeit bei ihre» Leiden. Vermöge desselben nannten Griechen und Römer alle andern Völker Barbaren, denn die Sprache, der Ausdruck des geistigen Lebens jener Völker war ihnen unbekannt, And sie zu lernen, hielten sie für unnütz, weil sie nur viehischen Töne» gliche, immer wie Bar, Bar, Bar, tönte. Dadurch geschah es noch jüngst, daß im hochgebildeten Frankreich, dem Lande feiner Sitte (denn „der Franke nur weiß zierlich es zu sagen!") imlbeatrs des varietes ein Schauspieler in Gegenwart der beiden deutschen Fürstinnen und ihrer Gemahle erzählte, er habe, als er deutsch sprechen wollte, einen Bindfaden verschluckt und daran zerrend die thierischen Laute Heu! Ha! Hach! hervorgebracht, und das wäre vortrefflich gerathen! Dieß that der große Komikus Levassor in Paris, Anno 1841, und das ganze Volk lachte nach Herzenslust! — Wir wissen aber recht gut, daß hinter diesem großen Spaße eine bettelstolze Verachtung des Deutschen; hinter dieser, der Haß; und hinter diesem im vierten Glied, die Sucht nach der 6Ioire, nach Krieg und der lieblichen Rheingrenze aufgestellt ist. Das sind die Abstufungen des Nationalvorurtheils, und das seine Konsequenzen! Innerhalb des jedesmaligen Volkes selbst erzeugt dieß Vorurtheil den Kastengeist. Der Stolz weniger Geschlechter-aus ihr reineres Blut giebt ihnen ein scheinbares Recht, die niedrigern Geschlechter zu verachten, und sie wie Leibeigne für sich alle Arbeiten verrichten zu lassen, die begreiflich für die weicheren Hände gottentstammter Geschlechter zu derb und zu schwer sind. Nur die edleren Beschäftigungen, d.h.das Kommandiren im Frieden und Kriege,