Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 5 (1841)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1841)
- Date
- 1841-08-14
- Page
- Seite 474 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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474 Feste, namentlich Peßach ff. die Hauptmomente sind, sieht man leicht ab. Die Verschiedenheit des neuern Judenthums vom Mosaismus ist, daß es das leibliche Leben vom bewußten, seelischen Leben trennt, und ersteres der Idee und Lehre entzieht, vom Rabbinismus aber, daß es überhaupt die Lehre als die Wesenheit der Religion anerkennt. So stellen sich im Allgemeinen die drei Phasen der israelitischen Religion dem historischen Äuge dar. Die nähere Ausführung, die Kritik derselben, und die Darlegung, welche Momente auf die Entscheidung der im neuern Judenthume schwebenden Fragen Einfluß habenmüssen, in den folgenden Nummern. Correspondenzeu. Von der russisch-polnischen Gränze, km Juni. Die Gemeinde Lublin. (Fortsetzung.) In Lublin bewohnen die Israeliten ein abgesondertes Viertel, das an der niedrigen Seite so ungeordnet aufgebaut ist, und so schmutzig aussieht, daß man es mit Recht Gheto nennen kann. Es liegt in einem Thale, und bildet drei Hauptgaffen, von denen sich wenige morastige Seitengäßchen abziehen. Man erblickt daselbst zwei Reihen schlecht gebauter Hauser, von denen das kleinste, mehreren Eigenthümern gehörend, so viele Einwohner zahlt wie fast ein kleines Städtchen. Wenige sind dem kaufmännischen Fache ergeben, und weil die christlichen Käufer selten ihren Winkel besuchen, und ihre Diener überall herum hausiren, so sind ihre Läden größtcntheils leer. Am meisten blühet der Wucher. Da aber die polnischen Edelleute ihren jüdischen Mäklern mit., Liebe anhängen, und ohne sie kein Geschäft machen,*'so müssen die Kapitalisten, um ihr Geld gut begeben zu können, diese Makler zu gewinnen suchen. Daraus entsteht ein eigenthümliches Verhältniß in der hiesigen Gemeinde, indem die ärmere Klasse der reicherem durchaus nichts nachgiebt, sondern sogar die Gemeinde-Korporation allein bildet und die Wahl der Vorsteher nach ihrem Wille» leitet. Besteht also der Vorstand nur aus Demokraten, so spinnen die Aristokraten öfters Jntriguen an, diese zu stürzen, was ihnen aber nie gelingt. Di» vielen Wuchergeschäfte rufen eine andere Klasse hervor, deren Beschäftigung nicht minder dem Rufe der hiesigen Juden zum Nachthcil gereicht. Diese besteht aus sogenannten Advokaten, deren man in Lublin unzählige findet. Sie haben sich auf mechanische Weise einige Kenntnisse des Gerichtsbuches verschaS^ einige Aufsätze zu schmieren gelernt, ihr Ruhm» AervEet sich schnell, und man übergiebt ihnen die Führuz^ der schwierigsten Prozesse. Aber auch sie lassen ihren Kindern keine bessere Erziehung angedeihen, da sie gerade behaupten, daß der talmudisch unterrichtete Geist sich kn jeder Laufbahn zurecht finden könne. Neben diesen Advokaten steht eine Menge jüdischer Aerzte, die, ohne die Medizin eigentlich studirt zu Haben, tüchtig herum praktiziren. Dennoch werden sie von ihren Glaubensgenossen sehr gebraucht, während ein auf der Wilnaer Universität promovirter Doktor und ein sehr erfahrner Magister der Chirurgie nichts zu thun haben. Hierzu kommt, daß die meisten Israeliten in Krankheitsfällen zu häuslichen Mitteln ihre Zuflucht nehmen, und abgerechnet, daß Viele, wenn sie auch keine Chasskdim sind, die Hülfe der kn der Umgegend wohnenden Rebis anrufen, sind die sogenannten Segilot unzählig.— Die Gemeinde zu Lublin ist seit geraumer Zeit in großer Spaltung begriffen. Jedoch hat dieser hartnäckig geführte Kampf nicht etwa irgend eine Gährung in der Religion zum Grunde — sondern nur die Wahl eines Vorsängers, der wahrlich nicht Gegenstand eines Gemeindezwistes zu sein verdient. Zwei Parteien kämpfen deshalb leidenschaftlich gegen einander, klagen sich wechselseitig an, und schonen selbst die Bande des Blutes nicht. — Wie stark der Aberglaube in den Geistern der Lubliner Gemeinde vorherrscht, geht so recht deutlich aus einer Masse von Sagen und Erzählungen hervor, welch» man mit der größten Beglaubigung von Geschlecht zu Geschlecht überträgt. Es sind besonders R. Schachno, ein Schüler des Rabbinen Falk, verstorben im Jahre 1557, den man wegen seiner großen Kenntnisse im Talmudfache R. Schachno Gaon nannte, und R. Abraham Kaschau, der ihm zunächst folgte, welche» man Wunderthaten nacherzahlt. Von dem ersteren haben die dortigen Israeliten die Zusicherung geerbt, daß in ihrem Wohnorte keine Feuersbrunst aMjeiivnal mehr als drei ihrer Häuser, und wenn sie noch so klein wären, verzeh-